Tierschutz im Sinne der Selbstachtung und der Nachhaltigkeit

Gastkommentar von Kurt Kotrschal für das Tierschutzvolksbegehren

 

Globale Erwärmung, Artensterben, Migrationskrisen… offenbar geht die Welt ziemlich rasant vor die Hunde (die natürlich am allerwenigsten dafür können) – und manche Leute haben nichts Besseres zu tun, als sich um Tierschutz zu kümmern? Ist das nicht angesichts der vielen Bedrohungen der völlig falsche Fokus? Nun ja – das billige Fleisch im Supermarkt mag dessen Produzenten (wir nannten sie früher Bauern) jenen Preisdruck bescheren, der sie dazu zwingt, ihre Tiere als Sachen zu behandeln. Trotz aller Bemühungen läuft die Intensivtierhaltung alles andere als Tier- und Artgerecht. Es dominieren Raumenge und Reizarmut, es werden Ferkel immer noch ohne Betäubung kastriert und Rinder unter unsäglichen Qualen über tausende Kilometer einem grausamen Tod entgegengekarrt.

Selbst wenn man dies angesichts der „großen“ Probleme dieser Welt billigend in Kauf nimmt, sollte man sich dessen bewusst sein, dass der Umgang mit den „anderen Tieren“ mit unserem eigenen Überleben zusammenhängt. Schließlich ist Fleischproduktion eine der Hauptursachen für Treibhausgase. Und man sollte sich fragen, ob im Zeitalter der UN-Deklaration der Menschenrechte (ob sie als bindend gelten, ist wieder eine andere Frage) in Ordnung sein kann, dass wir die weitgehend mit uns wesensverwandten „anderen Tiere“ weiterhin verdinglichen und hemmungslos ausbeuten. Immerhin teilen wir mit den Rindern, Schweinen und sogar Hühnern allein aufgrund stammesgeschichtlicher Verwandtschaft ein ganz ähnliches Gehirn, welches uns auf ganz ähnliche Art sozial sein, denken und fühlen lässt.

Dies ist schlicht Erkenntnis neuerer neuro-und verhaltensbiologischer Forschung. Weitgehende Ähnlichkeiten in jenen Strukturen und Funktionen unseres Körpers, unserer sozialen Bedürfnisse, unserer Fähigkeit zur Freude, aber auch zum Leiden, lässt menschliches Einfühlen in andere Tiere auch angemessener erscheinen, als das früher der Fall war. Das Mitfühlen mit anderen Tieren brachte ja ständig den Vorwurf ein, wir würden sie „vermenschlichen“ – und wir hören das von wenig reflektierenden Zeitgenossen immer noch. Aufgrund unserer schier unglaublichen Ähnlichkeiten mit anderen Tieren können wir uns aber diesbezüglich entspannen: Empathie, gepaart mit Wissen, wird unseren Mitwesen nicht nur einfach gerecht; wir sind ihnen vielmehr Respekt und Achtsamkeit in ganz ähnlicher Art schuldig, wie auch unseren Mitmenschen.

Tatsächlich verfügen die anderen Tiere über viele jener komplexen mentalen Fähigkeiten, die wir bislang nur uns selber zubilligten. So wird immer klarer, dass viele Arten ähnlich bewusst sein können, wie wir selber, etwa über ihre Befindlichkeiten, oder darüber, was Andere wissen. Vieles davon liegt noch im Dunkeln, etwa ob Hunde ein schlechtes Gewissen haben können; viele Hundehalter würden das nicht bezweifeln, die Wissenschaft konnte es aber bislang nicht zeigen.

Ähnliches gilt für Fragen nach emotionalen Befindlichkeiten, etwa ob auch andere Tiere trauern können. Die meisten von uns wissen, wie sich Trauer anfühlt, etwa über den Verlust naher Menschen oder Tiere. Aber wie kann man das für andere Menschen oder gar Tiere wissen? Tatsächlich harren Manche nach dem Tod eines Bindungspartners lange in dessen Nähe aus und zeigen dabei teils sogar die Symptome einer Depression, etwa Delfine, Schimpansen und Elefanten; und es gibt viele Berichte über Hunde, die versuchen, bei ihren toten Menschen zu bleiben, das Fressen einstellen, diese teils sogar aggressiv verteidigen. Selber erlebten wir in der Konrad Lorenz Forschungsstelle Grauganter, die sich nach dem Verlust ihres Weibchens durch einen Fuchs über Tage von ihren Schargenossen zurückzogen und sehr inaktiv wurden; gerade so als wären sie depressiv oder würden trauern.

Es ist schlicht plausibel, dass Tiere mit komplexer sozialer Organisation und starken Bindungen zu Partnern in der Lage sind, traurig zu sein. Bindungspartnern, egal ob Eltern-Nachkommen, Geschlechtspartner oder Verwandte und Freunde, unterstützen einander, die Nähe ihrer Partner ist ihnen Beruhigung und sie versuchen, Trennungen zu vermeiden. Daher ist es auch nicht verwunderlich, wenn sie auf den dauerhaften Verlust eines Partners durch Tod teils dadurch reagieren, dass sie versuchen, mit ihm Kontakt zu halten, Reaktionen zu entlocken, oder sogar Trauerverhalten zeigen.

Unterstützt wird die Annahme der Trauer bei anderen Tieren auch durch Bau und Funktionsweise des sozialen Gehirns, das innerhalb der Säugetiere nahezu identisch, und auch dem der Vögel funktionell sehr ähnlich ist. Man weiß heute, dass Menschen mit anderen Säuge- oder sogar Wirbeltieren zumindest die wichtigsten Grundemotionssysteme teilen. Allen Wirbeltieren ist auch das so genannte „soziale Netzwerk im Gehirn“ gemeinsam welches für die grundlegende Steuerung des Sozialverhaltens zuständig ist. Über etwa 500 Millionen Jahre Stammesgeschichte, seit den frühen Fischen, veränderte sich das halbe Dutzend Kerngebiete im Bereich Hirnstamm und Zwischenhirn strukturell und in ihrer Funktion nur wenig.

Komplexes soziales Zusammenleben wird aber erst durch die Kontrolle instinktiver Impulse aus diesem „tiefen System“ möglich. Dies übernimmt bei den Säugetieren das Stirnhirn, der frontale Teil des Neokortex. Hier werden instinktive Impulse, affektive Bewertungen und mentale Repräsentationen mit dem aktuellen Sinnesinput zusammengeführt, um jeweils passende Entscheidungen zu treffen. Vögel haben keinen Kortex, entwickelten aber parallel zum Stirnhirn der Säuger das so genannte „Nidopallium caudolaterale“, welches sich als funktionsgleich zum Stirnhirn herausstellte. Dieser Komplex aus stammesgeschichtlich alten und jungen Funktionselemente verarbeitet auch den Verlust wichtiger Bindungspartner; das Ergebnis daraus nennt man bei Menschen Trauer; manch andere Tiere sind wahrscheinlich zu ähnlichen Erfahrungen fähig.

Das zu wissen und anderen Tieren gegenüber gleichgültig zu bleiben, passt einfach nicht zusammen. Ich denke, wir sollten daher den Tierschutz aus Achtung vor unseren Mit-Tieren, aber auch aus Achtung vor uns selber ernst nehmen. Im Interesse eines langfristigen Überlebens ist es höchste Zeit, zu respektieren, dass wir diesen Planeten mit vielen anderen Arten teilen. Wenn sie verschwinden, werden auch wir die Lebensgrundlage verlieren, allen unseren technischen Möglichkeiten zum Trotz. Ganz konkret wird eine gute Zukunft für alle unter anderem von weniger Fleischkonsum und -verschwendung abhängen und letztlich auch von der Ent-intensivierung und Wiedervermenschlichung der Tierhaltung abhängen.


Univ.-Prof. i.R. Dr. Kurt Kotrschal ist einer der bekanntesten Verhaltensbiologen Österreichs. Er wurde 1985 mit dem Christian-Doppler-Preis ausgezeichnet, 2011 zum Wissenschafter des Jahres gekürt.

Er war Leiter der Konrad Lorenz-Forschungsstelle und gründete 2008 das Wolf Science Center in Ernstbrunn. Er setzt sich für eine integrative Gesellschaft und das Zusammenleben mit anderen Tieren ein.

Mehr zum Thema auch in seinem 2014 erschienenen Buch “Einfach beste Freunde. Warum Menschen und andere Tiere einander verstehen.