Tierschutzvolksbegehren: Vom Klimawandel bis zur Landflucht

Wie wir mit Tieren in der Landwirtschaft umgehen, beeinflusst natürliche Ressourcen, Klimawandel und Urbanisierung. Ein neues Volksbegehren soll systemische Veränderung bewirken. Ein Gastkommentar von Sebastian Bohrn Mena in der “Furche“.

Tierschutz ist ein Volksbegehren. So lautet nicht nur unser Motto, das ist auch unsere Überzeugung. Quer durch alle gesellschaftlichen Gruppen, gleich welchen Alters, Bildungsgrads oder welcher Einkommensklasse, der Umgang mit Lebewesen emotionalisiert viele Menschen. Das ist zwar erfreulich, in gewisser Weise aber auch hinderlich. Denn viel zu oft bleibt der Diskurs rund um Tierschutz und Tierwohl bei der Emotion und findet seinen Niederschlag weder in der Wissenschaft noch in der Politik. Die Gefühlslage der Bevölkerung ist viel weiter als unsere gelebte Praxis.

Das liegt auch an der fehlenden Übersetzung dieses Bedürfnisses vieler Menschen, den Umgang mit Lebewesen in unserem Land zu ändern, die Tierqual zu beenden und die Bedingungen auch für sogenannte Nutztiere sukzessive zu verbessern. Viel zu schnell wird von manchen beim Thema Tierschutz eine Abwehrhaltung eingenommen, vielleicht in der Furcht um Einfluss oder Profit. So werden Diskussionen seit Jahren abgedreht und pervertiert, bevor sie überhaupt beginnen konnten. Und der Tierschutz wird zum Gegenspieler der Landwirtschaft erklärt. Eine absolut widersinnige Interpretation.

Gerade unsere österreichischen Landwirte sind auf einen zeitgemäßen Umgang mit Lebewesen angewiesen, mit allem was das an Vorteilen mit sich bringt für die Tiere, die Natur und die KonsumentInnen. Alleine schon aus existenziellen Gründen sollten sie daher die stärksten Proponenten des Fortschritts sein. Denn kommt der Wandel in der Landwirtschaft nicht, gibt es sie in einigen Jahren in der gewohnten Form nicht mehr. Es ist also wichtig, dass wir den Diskurs versachlichen, gewohnte Denkmuster aufbrechen und neue Allianzen schließen. Der Tierschutz geht uns alle an. Zwei Beispiele.

Unsere Ernährung und das Klima

Der Klimagipfel im polnischen Katowice ging im Dezember 2018 mit einem kleinen Erfolg zu Ende, nun liegt erstmals ein verbindliches Regelwerk vor, das vor allem Transparenz darüber schaffen soll, wie von den Staaten konkrete Maßnahmen ergriffen werden um die Klimaerwärmung aufzuhalten. Ein wichtiger Fortschritt, keine Frage. Im Zuge der Verhandlungen wurden wieder Zahlen präsentiert und Einschätzungen geäußert, welche Beiträge nun tatsächlich effektiv die Klimaschäden reduzieren könnten. Ein Dauerbrenner ist dabei die Landwirtschaft, oder konkreter: Die Fleischproduktion.

Über 25% der globalen Treibhausgasemissionen seien auf Fleischprodukte zurückzuführen, so der Forscher Hermann Lotze-Campen. Er fordert die Halbierung des Fleischkonsums in Industrienationen. Damit würde der Raubbau an der Natur zur Herstellung von Futtermittel für die heimische Mast obsolet, Umweltschäden durch ihren Transport um die halbe Welt aufgelöst, Gase aus der Intensivtierhaltung und die Ausbringung der Gülle reduziert werden. Dazu müsste die heimische Landwirtschaft gestärkt und unabhängiger von Importen gemacht werden, wie etwa im Biobereich.

Schöne Vorstellung, kauft aber keiner? Doch, wenn es billiger wäre. Höhere Qualität zum niedrigeren Preis und die Verbreitung der tier-, umwelt- und bauernfreundlicheren Landwirtschaft sind keine Utopie, sondern Fragen des politischen Willens. Wie Fördergelder eingesetzt werden basiert nicht auf einem Naturgesetz, sondern auf einem Aushandlungsprozess, an dessen Anfang eine Vision und am Ende der Mut zur Umsetzung steht. Wer hindert uns daran, eine 100% biologische heimische Landwirtschaft als Ziel zu formulieren? Und alle Maßnahmen auszuschöpfen, um diese gegen Billigimporte und den Druck ausländischer Agrarkonzerne zu schützen?

Bauernsterben und Landflucht

Ob im oberösterreichischen Innviertel, im niederösterreichischen Waldviertel, im Tiroler Oberland, in Oberkärnten oder im Südburgenland – überall ist der Trend zur Abwanderung vom Land in die Stadt kein neues Phänomen, doch die Auswirkungen werden immer ersichtlicher und bisweilen auch dramatischer. Geschlossene Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen oder fehlende Nahversorgungsangebote stellen die schrumpfenden Gemeinden mittlerweile vor große Herausforderungen.

Eine Dynamik, die sich nach Ansicht von Experten noch verstärken wird. Bis zum Jahr 2080 soll demnach die österreichische Bevölkerung auf 10 Millionen Menschen angewachsen sein, doch dieses Wachstum wird sich höchst ungleich verteilen. Während der Großraum Wien und andere Ballungsräume stark wachsen werden, verliert der ländliche Raum grundsätzlich und in Kärnten, die Steiermark und Salzburg im speziellen an Einwohnern. Das liegt auch an Faktoren, die beeinflussbar wären.

Fehlende Jobaussichten und mangelnde (weiterführende) Bildungsmöglichkeiten zählen hier genauso dazu wie der schlechte Ausbau an öffentlichen Verkehrsmitteln oder digitaler Infrastruktur. Und auch die Konzentrationsbewegungen in der Landwirtschaft tragen ihren Teil dazu bei. Wenn jeden Tag im Schnitt 5-6 landwirtschaftliche Betriebe für immer schließen, dann gehen damit nicht nur lokale Wirtschaftsfaktoren verloren, es hat auch große Auswirkungen auf das regionale Gesellschafts- und Kulturleben.

Das Aussterben ländlicher Regionen wird durch diese Dynamik noch beschleunigt. Die EU formuliert nicht umsonst in ihrer Strategie der „Smart Villages“ die Notwendigkeit belebter Gemeinden, die über eine gut ausgebaute (digitale) Infrastruktur verfügen und auch in der Selbstversorgung gestärkt werden sollen. Dazu braucht es eine lokale, kleinstrukturierte Lebensmittelerzeugung, kurze Transportwege, aktive regionale Wirtschaftskreisläufe. Hier könnte die öffentliche Hand direkt einwirken, etwa über die Beschaffung.

Kleinbäuerliche Strukturen, als vitaler Bestandteil starker Gemeindeverbünde, sind kein Modell der Vergangenheit, sie sind die österreichische Zukunft. Doch dazu gehört auch ein Wandel in der Viehwirtschaft. Die Intensivtierhaltung mit ihrer Abhängigkeit von Futtermittelimporten und ihrer Vielzahl an Tiertransporten auf unseren Straßen, das ist nicht nur ein Garant für Tierleid und Umweltschäden, es ist auch eine Einbahnstraße für unsere Landwirtschaft. Und damit für uns alle, ob wir uns dessen bewusst sein mögen oder nicht.

Einen Schritt gemeinsam vorankommen

Diese beiden Beispiele sollen vereinfacht darstellen, was viele Menschen bereits spüren: Es kann so nicht weitergehen. Das Tierschutzvolksbegehren wird nicht die Antwort auf alle Fragen und nicht die Lösung für alle Probleme bieten können. Aber es kann ganz konkrete Ansätze zur Veränderung bieten, die auf einem veränderten Verständnis über die Ursachen und Wechselwirkungen der Beziehungen von Menschen, Tieren und Umwelt basieren. Es kann Wege aufzeigen, die bislang noch nicht beschritten wurden.

Das wird uns aber nur gelingen, wenn wir es aus der im Tierschutz bislang gewohnten Verniedlichung, Bagatellisierung oder Hysterisierung rausschaffen. Das Tierschutzvolksbegehren möchte einen Beitrag dazu leisten. Und stützt sich daher auf eine breite Bewegung von Tierfreundinnen und Tierfreunden in ganz Österreich, die größtenteils noch nicht im Tierschutz aktiv waren und sich aus allen politischen Lagern speist. Die urbane Unternehmerin gleichermaßen wie die Pensionistin aus dem Dorf.

Wir mögen unterschiedliche Zugänge haben, mitunter auch vielfältige Motive. Doch das Ziel eint uns: Wir wollen einen Schritt vorwärtskommen. Wir geben uns dabei keiner Utopie hin. Wir wissen, dass ein Volksbegehren nicht bindend ist. Wir wissen, dass wir den Gesetzgeber nicht zwingen können unsere Forderungen umzusetzen. Aber wir wissen auch, welch nachhaltige Kraft darin besteht, wenn Menschen gemeinsam an der Umsetzung ihrer Ideale wirken. Und genau deswegen machen wir das jetzt.


Der Text erschien zuerst als Gastkommentar in der Print-Ausgabe der “Furche” vom 3. Januar 2019