“Das Wohlbefinden der Tiere muss im Mittelpunkt stehen!”

Norbert Hackl ist Biobauer in der Oststeiermark und Gründer des Labonca-Biohofs. Der Gewinner des Österreichischen Tierschutzpreises 2010 und 2016 zeigt eindrucksvoll, wie artgerechte Freilandhaltung funktionieren kann.

Knapp 50 ha Ackerland und 30 ha Grünland werden hauptsächlich den Sonnenschweinen und Bergschecken-Rindern als Futter und Weidefläche gewidmet. Die Schweine leben ganzjährig frei auf den Weiden, geschlachtet wird im ortsansässigen Weideschlachthaus.

Mit dem Tierschutzvolksbegehren spricht Norbert Hackl über seinen Werdegang und über die Rolle der Urbedürfnisse von Tieren in der landwirtschaftlichen Produktion.


Welchen Auslöser gab es für die Umstellung von der intensiven Rindermast Ihrer Eltern zur Bio-Freilandschweinehaltung 2003? Welche Haltung Tieren gegenüber steht hinter Ihrem Tun?
Auslöser war meine persönliche Entwicklung. Weg vom stürmischen Jungbauern hin zum verantwortungsbewussten Jung-Vater. Die Kinder kamen zur Welt, meine Frau und ich entwickelten uns persönlich weiter. Wir versuchen auf Labonca den Tieren ein Leben zu geben. Darunter verstehen wir, dass die Tiere ihre Urbedürfnisse ausleben dürfen, die ihnen die Natur mitgegeben hat. Diese Bedürfnisse sind freilich bei jedem Tier unterschiedlich. Wenn sie diese ausleben können, erlangen sie Zufriedenheit. Das wollen wir erreichen.

Was brauchen Landwirte, um eine solche Umstellung zu vollziehen?
Sie müssen über den Tellerrand blicken, den Willen und die Bereitschaft haben, auch gegen Windmühlen anzutreten und sich auf das Wesentliche konzentrieren. Nicht der Preisdruck einer Handelskette soll das Bauersein dominieren. Das Wohlbefinden der Tiere muss im Mittelpunkt stehen.

Woher wissen Sie, welche Bedürfnisse Ihre Tiere haben? Wie oder wo haben Sie das gelernt?
Als gelernter Landwirt sollte ich dieses Wissen ja in der Fachschule erworben haben. Leider ist dem nicht so. Die natürlichen Bedürfnisse der Tiere sind da kein Thema, dafür sämtliche Deckungsbeitragsrechnungen und diverse Systeme zur Effizienzsteigerung und Gewinnmaximierung. Ich musste meine Tiere buchstäglich studieren, habe beobachtet, was sie den ganzen Tag machen, wo sie gerne ihre Geburten haben, unter welchen Bedingungen sie sich wohlfühlen.

Wieso kommt es im Nest der Mutterschweine nicht zum Erdrücken von Ferkeln?
Weil das in der Natur eigentlich nicht vorgesehen ist. Bieten wir den Schweinen beim Abferkeln eine natürliche Umgebung, werden sie ihre Ferkel nicht erdrücken. Natürlich: Unfälle können schon passieren, aber keine mutwilligen Erdrückungen wie das in einem Stall geschieht. Warum? Weil die Muttertiere vor der Geburt über ihre Hormone gewisse Bedürfnisse haben. Sie möchten sich ein Geburtsnest bauen und den Platz dafür selber aussuchen. So fühlen sie sich dann sicher und bereit. Dürfen sie das nicht, werden sie aggressiv, unruhig. Sie haben Angst um ihr eigenes Leben, denn immerhin dürfen sie nicht das machen, was ihnen ihre Hormone in dieser Phase sagen. Dürfen Mutterschweine ihre Instinkte nicht ausüben, werden sie nicht davor zurückschrecken, das empfundene Übel für ihre „Panik“ zu eliminieren. Sie töten also schlimmstenfalls ihre eigenen Ferkel.

Wie funktioniert die Schlachtung in einem Weideschlachthaus? Wie kann Stress vermieden werden?
Unsere Schweine kommen schon einige Tage oder Wochen vor der Schlachtung auf die 8.000 Quadratmeter große Weide, die direkt an das Weideschlachthaus angrenzt. Im Betäubungsbereich des Schlachthauses werden sie gefüttert. Daher ist das für sie keine ungewohnte Umgebung. Am Tag der Schlachtung ist das auch nicht anders: Einzeln werden die Schweine mit „Leckerlis“ hinausgelockt und dann – ohne Sichtkontakt zu den anderen Schweinen – elektrisch betäubt. Das passiert alles lautlos, die anderen Schweine merken nichts davon. Unsere Tiere haben keine Angst, leben ein ruhiges Leben bis zu ihrem überraschenden Tod.

Welche Möglichkeiten sehen Sie Tierwohl in Österreich zu fördern? Welche Standards sind zukunftsweisend?
Das Wort TIERWOHL ist für mich bereits negativ behaftet. So ziemlich jede Handelskette und jeder Vermarktungsbetrieb schmückt sich damit. Dabei ist es so einfach, Tierwohl zu definieren: Das Tier fühlt sich wohl. Da gibt es keine Kompromisse – denn in einem solchen fühlt sich ein Tier eben nicht wohl. Daher sind für mich Schweinehaltungsprogramme mit einem Tierwohl-Siegel darauf unbedingt zu hinterfragen. Wenn wir Tierwohl in der Landwirtschaft wollen, dann müssen wir die wahren Kosten einer bedürfnisbezogenen Nutztierhaltung aufzuzeigen. Dann muss man für das Fleisch eben mehr bezahlen, und es wird viel weniger davon gegessen. Tut allen gut: den Menschen, den Tieren und der Umwelt. Auch hätten wir weniger Reparaturmedizin zu finanzieren. Zukunftsweisende Standards sehe ich derzeit nicht. Was unter „Bio“ läuft, geht zu wenig weit. Eine Freilandhaltung von Schweinen inkludiert das zum Beispiel gar nicht.

Welche wirtschaftlichen Vorteile hat die Bio-Freilandhaltung?
Kommt darauf an, was man darunter versteht. Billig kann man in der Bio-Freilandhaltung nicht produzieren, außer, man geht wieder Kompromisse ein. Die Wertigkeit des Fleisches ist dafür um ein Vielfaches höher – sowohl im Geschmack, als auch im Energiegehalt. Der Geschmack ist einzigartig und kann durch kein Stallschwein getoppt werden.

Welche Alternativen zur betäubungslosen Ferkelkastration finden Sie umsetzbar? Wie werden die Ferkel am Labonca-Biohof kastriert?
Seit Beginn unseres Projektes betäuben wir unter tierärztlicher Vollnarkose. Eine andere Option gibt es bei uns nicht und gab es auch nie.

Was erwarten Sie sich vom Tierschutzvolksbegehren?
Vor allem ein Umdenken in der Politik und eine Veränderung im Bewusstsein der Konsumenten. Ich wünsche viel Erfolg und werde es unterstützen, wo es möglich ist!

Danke für das Interview!


Norbert Hackl startete 2016 das Rinder-Projekt “Der Labonca Bergschecke” und erhielt dafür den Österreichischen Tierschutzpreis. Im selben Jahr gewann er auch den Österreichischen Klimaschutzpreis. 2018 erschien sein Buch “Dürfen Schweine glücklich sein? Wie ein Biobauer die Schweinebranche auf den Kopf stellt”.