Interview: “Ich möchte ihnen Leid ersparen und sie weiterleben lassen”

Nach einem Erlebnis am Schlachthof startet Bio-Landwirt Hubert Gassner mit Tierfreundin Stefanie Buchinger 2014 das Projekt “Rinderwahnsinn“. Sechs Mastschweine vom Verein “Happy Pigs and Friends“, sechs Damhirsche und 63 Rinder dürfen am Lebenshof im Waldviertel alt werden. Wie es den Tieren mit der ganzjährigen Freilandhaltung geht, wie ihr Umfeld auf die Umstellung reagiert hat und was sie sich vom Tierschutzvolksbegehren erwarten, haben sie uns erzählt.  

Welche Haltung Tieren gegenüber steht hinter eurem Wirken am “Lebenshof Rinderwahnsinn“?

Dahinter steckt der ganz einfache Wunsch, dass wir nicht möchten, dass Tiere wegen uns unnötig leiden oder sogar sterben müssen. Natürlich können auch wir nicht verhindern, dass durch unser Handeln im Alltag genau das passiert – wenn wir beispielsweise beim Spazieren einen Käfer übersehen oder beim Autofahren Insekten an die Windschutzscheibe knallen. Aber das heißt nicht, dass wir uns dort zurücklehnen dürfen, wo wir etwas verändern können: bei unserer eigenen Ernährung und den Tieren auf unserem eigenen Hof.

Welche Geschichte verbirgt sich hinter der Namensgebung, also hinter dem “Rinderwahnsinn“?

Ich habe 15 Jahre lang eine Rinderzucht betrieben. Bei mir am Hof ging es den Tieren, die ganzjährig auf der Weide waren, immer sehr gut. Die Probleme begannen, sobald sie den Hof verlassen mussten. Ich habe den Wandel von kleinen, lokalen Fleischereibetrieben hin zu jenen Zuständen, die wir jetzt haben – also den Wahn – miterlebt: Die Tiere werden nachts verladen und meist stundenlang durch die Gegend gekarrt. Der Transport allein ist für Herdentiere wie Rinder schon ein wahnsinniger Stress, weil dabei fremde Tiere zusammenkommen, die naturgemäß gleich die Rangordnung unter sich klären müssen und dafür Platz und Rückzugsmöglichkeiten bräuchten. Wie es dann am Schlachthof zugeht, habe ich bei einem meiner eigenen Tiere miterlebt, darauf möchte ich gar nicht näher eingehen. Eine eigene Weideschlachtung kam für mich aber auch nie in Frage. Das einzige, was für mich in Bezug auf die Tierhaltung noch Sinn machte, war, ihnen das alles zu ersparen und sie einfach weiterleben zu lassen.

Bio-Landwirt Hubert Gassner

Wie hat euer Umfeld auf die Umstellung reagiert?

Natürlich wird geredet, aber das kann man den Leuten auch nicht verübeln: Da gibt’s einen Bauern mit über 50 Rindern, der plötzlich keine Tiere mehr schlachten, sondern alle munter weiterleben lässt. Obendrein habe ich dann auch noch aufgehört Fleisch zu essen und mich der pflanzlichen Ernährung zugewandt. Meine Familie (selbst Bio-Bauern) hat sehr nett reagiert. Meine Mutter hat sich zu meinem Geburtstag sogar an veganen Topfennockerln versucht, das hat mich sehr gefreut. Steffi isst ja schon lange rein pflanzlich, für ihr Umfeld war es weniger überraschend. Natürlich ist es auch für sie eine große Herausforderung, diesen Hof zusammen mit mir zu erhalten. Damit die Herde nicht mehr wächst, haben wir sie nach Geschlechtern getrennt.

Wie finanziert ihr das alles?

Man kann uns mit Spenden und Tierpatenschaften unterstützen, wofür wir wirklich sehr dankbar sind. Ohne diese Hilfe ginge es nicht. Wir vermieten außerdem zwei Ferienwohnungen am Hof, verkaufen Bio-Produkte aus eigenem Anbau und Steffis pflanzlichen Aufstrich, der sehr gut ankommt. Es gibt auch Tage des „offenen Weidezauns“.

Wie habt ihr euch bei der Umstellung eurer Ernährungsweise von “viel Fleisch“ auf “rein pflanzlich“ gefühlt?

Die Umstellung hat so nur mich betroffen, Steffi hat die meisten Arten von Fleisch schon als Kind nicht essen wollen. Ich dagegen habe früher zwei- bis dreimal täglich Fleisch gegessen. Mir fiel auf, dass sich die Verdauung positiv verändert hat und dass ich plötzlich bei schwerer Arbeit keinen Muskelkater mehr bekomme. Ich habe körperlich nichts Negatives bemerkt. Auch das Weglassen von tierischen Produkten fand ich nicht so schwierig, aber ich habe früher auch schon gerne Obst und Gemüse gegessen.

Und wie kommen die Schweine zu euch?

Ich kannte Hubert damals noch nicht und war auf der Suche nach einem Platz für diese sechs Schweine, die ich vor der Schlachtung bewahren wollte. Bei der Platzsuche lernte ich Hubert kennen.

Steffi, eine unserer Forderungen ist das Verbot der betäubungslosen Kastration von Ferkeln. Welche Alternativen hältst du für durchführbar?

Ich bin da wirklich keine Expertin, ich kann nur sagen, dass eine Alternative, welcher Art auch immer, meiner Meinung nach nur dann Aussicht auf flächendeckenden Erfolg hat, wenn sie für die Tierhalter praktisch weder mit Mehraufwand, noch mit Mehrkosten verbunden ist. Natürlich wäre mir am liebsten, wenn ganz auf die Kastration verzichtet werden könnte und der Konsument sich mit Fleisch aus Ebermast anfreunden würde. Aber selbst dann zählen pubertierende männliche Schweine aus Tierhaltersicht wahrscheinlich nicht zu den pflegeleichtesten Fleischlieferanten. Daher wäre wohl eine Impfung (Immunokastration) am geeignetsten.

Tierfreundin Stefanie Buchinger

Eure Rinder und Schweine leben das ganze Jahr über im Freien. Welche Vorteile hat das für die Tiere? Wie kommen sie mit der Hitze und der Kälte zurecht?

Die Tiere können sich frei bewegen und selbst entscheiden, wann sie essen, schlafen, aufstehen und die Weide erkunden. Natürlich stehen ihnen Unterstände und Hütten zur Verfügung. Viele Städter machen sich trotzdem Sorgen wegen der kalten Temperaturen und befürworten aus Gründen des „Tierwohls“ eine Stallhaltung. Das ist zwar verständlich, aber leider überhaupt nicht dem Tierwohl dienlich. Jeder, der sich einmal mit der Verdauung von Rindern beschäftigt hat, weiß, dass sich diese Tiere quasi von selbst heizen und dass sie die kühle Jahreszeit sogar bevorzugen – wobei man ein Tier, das an einen Stall gewöhnt ist, natürlich nicht einfach raus in die Kälte stellen darf. Umgewöhnen kann man sie am besten in der Übergangszeit. Bei den Schweinen – es handelt sich um ganz normale ehemalige Mastschweine und nicht etwa um Wollschweine – waren wir selbst überrascht: Im ersten Winter wollten wir sie in den Stall holen, doch die Schweine wühlten lieber im Schnee. Einmal haben wir sogar beobachtet, dass sie sich mitten auf der Weide im Stroh ein Nest gebaut und dort tagsüber geschlafen haben. Und das bei minus 10 Grad! Sie hätten jederzeit in ihre Hütte gehen können. Natürlich brauchen Schweine im Winter deutlich mehr energiereiches Futter. Im Sommer holen sie sich leider öfter einen Sonnenbrand. Weshalb sie trotz Suhle und ausreichend Schatten so gerne in der Sonne liegen, wissen wir nicht.

Welche gesundheitlichen und wirtschaftlichen Vorteile hat die Freilandhaltung?

Die Tiere sind einfach viel robuster. Man spart sich über die Jahre viel an Tierarztkosten und in ein Stallgebäude muss man auch nicht investieren.

Wie reagieren Besucherinnen auf den direkten Kontakt mit sogenannten Nutztieren?

Man merkt, dass viele Menschen tief berührt sind, wenn sie erstmals einem Schwein oder einer Kuh auf Augenhöhe begegnen dürfen. Wenn sie wissen, dass die Kuh, die sie gerade streicheln, auch noch da sein wird, wenn sie das nächste Mal zu Besuch kommen. Wenn sie erleben, wie sich ein Schwein auffordernd neben sie niederplumpsen lässt und den Bauch gekrault haben möchte. Wer unvoreingenommen und offen zu uns kommt, kann die Erfahrung machen, dass man zu Kühen und Schweinen eine ähnliche Beziehung aufbauen kann wie zu Hunden und Katzen. Wir sind der Meinung, dass es schon seinen Grund hat, dass das Essen von Hunden und Katzen in Österreich verboten ist – und das muss man niemandem besonders erklären, einfach weil jeder diese Tiere kennt. Wenn man sich unvoreingenommen mit Tieren beschäftigen darf, erklärt sich pflanzliche Ernährung von selbst.

Inwiefern spürt ihr die Auswirkungen des Klimawandels?

Die Trockenheit macht uns sehr zu schaffen. Es wächst weit weniger Futter, das Weidemanagement funktioniert nicht mehr so wie früher und auch die Tiere mögen die Hitze nicht.

Was erwartet und wünscht ihr euch vom Tierschutzvolksbegehren?

Wir wünschen uns, dass möglichst viele Leute wachgerüttelt werden und auch ihr Konsumverhalten umstellen. Politik und Wirtschaft müssen begreifen, dass eine Änderung der Rahmenbedingungen nötig ist. Natürlich wäre es uns am liebsten, wenn Tiere überhaupt nicht mehr gegessen würden. Aber die Welt wäre auch schon eine andere, wenn Menschen ihren Fleischkonsum reduzieren und die Tierhaltung so aussehen würde, wie es dem Konsumenten in der Werbung vorgegaukelt wird. Ein Tierschutzvolksbegehren alleine wird das nicht erreichen können, aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Es lenkt die Aufmerksamkeit auf Zustände, die in Wirklichkeit keiner will: weder der Konsument, noch der Tierschützer, der Landwirt oder der Schlachthofmitarbeiter.

Danke für das Interview!