Interview: “Unsere Kälber leben bei ihren Müttern”

In der Regel trennen milchproduzierende Betriebe Kälber und Muttertiere nach der Geburt. Seit 2013 wird am Weinkirnhof in Niederösterreich etwas Außergewöhnliches praktiziert: Kälber und ihre Mütter bleiben mehrere Monate zusammen in der Herde. Gertraud Magritzer erzählt uns im Interview, was ihr Betrieb im Sinne des Tierwohls leistet.

Was versteht man unter einer muttergebundenen Kälberaufzucht?

Es gibt hier verschiedene Formen. In unserem Fall bleiben die Kälber zwölf Wochen lang bei der Herde. Allerdings kommt es vor, dass Mütter ihre Kälber nicht trinken lassen, dann versuchen wir sie einer Amme „unterzujubeln“. Das funktioniert im Normalfall – sonst separieren wir, damit das Kalb nicht schutzlos ist.

Aus welchen Gründen wird am Weinkirnhof diese Form der Kälberaufzucht praktiziert? 

Nachdem wir massiven Trennungsschmerz von Mutter und Kind beobachtet haben, ist mir ein Buch von Martin Ott über die muttergebundene Kälberaufzucht in die Hände gefallen. Meine Tochter, die rückblickend der Antrieb für die Veränderung war, hat daraufhin Recherchen durchgeführt. Wir haben uns dann für eine Umstellung entschieden. Ende 2012 fiel meine Mutter krankheitsbedingt aus und meine Tochter ging für ein Jahr nach Australien. Die muttergebundene Kälberaufzucht ist weniger arbeitsintensiv – wofür ich gerade in dieser Zeit sehr dankbar war. Das Tränken der Kälber ist ja quasi „automatisiert“.

Was bedeutet die muttergebundene Aufzucht für das soziale Gefüge in der Herde und für die arteigenen Bedürfnisse?

Wir müssen zwischen der Weidehaltung und der Winter-Laufstallhaltung unterscheiden. Bei der Weidehaltung sind die Kälber im „Kindergarten“, also gemeinsam unterwegs. „Beaufsichtigt“ werden sie von einer Kuh, die gar nicht die Mutter sein muss. Diese Rolle kann täglich eine andere Kuh übernehmen. In der Winterhaltung sieht die Sache anders. Hier ist die Mutter-Kind-Bindung enger, die Mutter wie ein Schutzschild. Die älteren Kälber müssen sich auch mal eine Verwarnung anderer Kühe gefallen lassen. Sie treten aber immer im Rudel auf und ruhen gemeinsam. Meiner Meinung nach sind die Bedürfnisse der Kälber dann gestillt, wenn sie sich frei in Sichtnähe zur Herde aufhalten können. Um eine intensivere Mutterbindung möglich zu machen, bleiben Mutter und Kalb etwa fünf Tage in der Abkalbebox.

Wie funktioniert das Abstillen?

Das Abstillen wird nach drei Monaten durchgeführt. Hier werden – sofern dies möglich ist – die Kälber paarweise aus der Herde separiert. Dieser Zeitpunkt wird deshalb gewählt, weil das den Bio-Vorschriften unserer Kontrollstelle entspricht. Die Kälber sind zu diesem Zeitpunkt körperlich auch schon sehr gut entwickelt. Sie können bereits Heu und Silo in größeren Mengen aufnehmen und so einen Gewichtsverlust verhindern. Allerdings ist der Trennungsschmerz natürlich vorhanden – manchmal bei den Kühen mehr als bei den Kälbern. Es kommt aber immer auf die individuelle Mutter-Kind-Beziehung an. Manche Kühe scheinen aber ganz froh zu sein, nicht mehr ständig besäugt zu werden.

Was passiert mit den Kälbern nach dem Absetzen?

Die männlichen Kälber kommen zu einem Bio-Mäster. Jedes zweite Jahr bleiben zwei weibliche Kälber am Hof – alle anderen kommen zu verschiedenen Betrieben. Das sind Aufzucht- oder Mastbetriebe. Hier sind wir noch auf der Suche nach einem Abnehmer, der sich auf die Aufzucht spezialisiert hat.

Ist das muttergebundene Aufzuchtsystem konkurrenzfähig?

Im konventionellen Bereich vermutlich nicht, da der Milchpreis dies nicht zulässt. Grundsätzlich hängt es aber immer vom Betrieb ab. Wie viel muss er zukaufen? Ich glaube, das ist ein Schlüsselthema. Unsere 20 Milchkühe werden zweimal täglich gemolken. Wir haben derzeit eine so genannte Durchschnittsherdenleistung von 4900 Liter – das ergibt sich allerdings daraus, dass wir nur 0,1 kg Kraftfutter pro Tier und Tag zufüttern. Zusätzlich trinken die Kälber ca. 1000 Liter Milch. Also kann man von einer Durchschnittsleistung von 5900 Liter ausgehen.

Was versteht man unter einer Kurzrasenweide und wie funktioniert sie?

Die Kurzrasenweide ist ein Weidesystem mit dem Ziel, möglichst viel Milch direkt aus Gras zu gewinnen. Gras ist verglichen mit Heu, Silage oder eingekauftem Kraftfutter ja das mit Abstand billigste Futter. Dieses System verlangt der Kuh keine Höchstleistungen in der Milchproduktion ab. Bei uns weidet die Herde auf einer großen Weidefläche, die im Verlauf des Jahres dreimal erweitert wird. Es hat sich bewährt, zwei kleinere Flächen für sehr intensive Regentage abzugrenzen. Das ist bei uns wichtig, da wir in einer Hanglage liegen und dadurch der Vertritt noch extremer wäre. Nach sechs Jahren hat sich die Grasnarbe unserer Weide aber schon sehr gut gebildet, sie bietet damit auch mehr Schutz bei sehr hohen Temperaturen. Generalisieren lässt sich das aber nicht. Eine Kurzrasenweide muss man auch „aushalten“ können. Meine Eltern haben sich damit schwer getan. Sie waren kurz davor, aufzugeben.

Welche Veränderungen wünschen Sie sich vom Tierschutzvolksbegehren?

Jeder Bauer ist ein Unternehmer, der von seinem Einkommen abhängig ist und kalkulieren muss. Wenn Tierwohl honoriert wird, motiviert das möglicherweise Betriebe dazu, ihre Tiere entsprechend naturnah zu halten. Ein „Tierwohlzuschuss“ für Pioniere wäre da durchaus angebracht. Es wäre außerdem wünschenswert, wenn wir unsere Tiere stressfrei im eigenen Betrieb schlachten könnten.

Danke für das Interview!