Über die unantastbare Würde der Tiere

Gastkommentar von Prof. Dr. Kurt Remele. Im Buch Tiere essen des US-amerikanischen Schriftstellers Jonathan Safran Foer ist folgender Bericht eines Arbeiters in einem Schlachthof abgedruckt:

Im Tötungsbereich, wo immer viel Blut fließt, macht einen der Blutgeruch ganz aggressiv. Wirklich. Du kriegst die Einstellung, dass wenn ein Schwein nach dir tritt, du es ihm heimzahlst. Eigentlich tötest du es ja schon, aber das reicht noch nicht. Es muss leiden. … Du gehst hart ran, setzt ihm zu, schlägst ihm die Luftröhre kaputt, lässt es in seinem eigenen Blut ertrinken. Spaltest ihm die Nase. Da rennt also ein lebendes Schwein durch die Wanne. Es guckt zu mir hoch, und wenn ich gerade den Job als Stecher habe, dann nehme ich das Messer und – krrrk – schneide ihm ein Auge raus, während es einfach dahockt. Und dann schreit das Schwein wie am Spieß. Einmal habe ich mein Messer genommen – es ist ziemlich scharf – und einem Schwein ein Stück von der Nase abgeschnitten, als wär’s eine Scheibe Mortadella. … Dann … nehme ich eine Handvoll Salz und reibe es ihm in die Nase. Da ist das Schwein richtig ausgeflippt. … Ich war nicht der Einzige, der solche Sachen gemacht hat. Ein Schlachter, mit dem ich zusammenarbeite, treibt die Schweine manchmal noch lebend in das Brühbad.[i]

Faktisch sind Leib, Leben und Wert der Tiere, wie dieser Bericht drastisch zeigt, antastbar. Die Würde der Tiere wird täglich verletzt, in den USA, in anderen Weltgegenden, in Österreich. Die beschriebene Schlachthofszene beschreibt eine massive, grauenvolle Verletzung der Würde eines schmerzsensiblen Lebewesens. Der Begriff „Würde des Tieres“ ist deshalb ein Kontrastbegriff und eine Protestvokabel gegen die von Menschen an Tieren verübten Ausbeutungshandlungen, Gräueltaten und Manipulationen. Wer über Tierwürde und deren Verletzung spricht, evoziert Bilder von Schlachthöfen und Tierfabriken, Tiertransporten und Gänsestopfleber, abgehackten Haifischflossen und in den Müll geworfenen Hundewelpen, spanischen Kampfstieren und österreichischen Ferkeln, denen kurz nach ihrer Geburt bei vollem Bewusstsein und ohne Schmerzmittel die Hoden mit einer Quetschzange oder einem Skalpell entfernt werden.

Es mag aus ethischer, juristischer und rechtsphilosophischer Sicht Vorbehalte gegen den Begriff der Tierwürde geben, ähnlich wie es Vorbehalte gegen den Begriff der Menschenwürde gibt. Dem Würde-Begriff  ist nämlich wie anderen wertintensiven, elementaren Begriffen ein gewisses Maß an Vagheit eigen. Diese partielle Unbestimmtheit oder „Dünnheit“[ii], wie der Moralphilosoph Michael Walzer dies nennt,  kann jedoch nicht primär als Schwäche, sondern auch als Stärke gedeutet werden. In nahezu jedem, der den Begriff „Würde“ hört, werden bestimmte Assoziationen ausgelöst und konkrete Vorstellungen davon abgerufen, was dieser Würde widerspricht. Ein eindrucksvolles Beispiel stammt aus der Zeit der europäischen Umbrüche des Jahres 1989: Als Menschen durch die Straßen Prags zogen und manche von ihnen Transparente mit dem Wort „Wahrheit“ oder dem Wort „Gerechtigkeit“ trugen, wurde über die Grenzen von Nationen, Kulturen und Religionen hinweg verstanden, welche Werte und Normen von der kommunistischen Regierung eingefordert wurden. Und das obwohl – oder gerade weil – keine Traktate über das philosophisch richtige Verständnis von Wahrheit und Gerechtigkeit ausgeteilt wurden.  Wer auf die Tierwürde verweist, tritt rhetorisch für das Wohl der Tiere ein und appelliert an seine Mitbürgerinnen und Mitbürger, diese zu achten.

Heute ist der Begriff „Würde“ aus ethischer Sicht im Plural zu verstehen. Hinsichtlich der physischen und psychischen Eigenschaften von Menschen und nicht-menschlichen Tieren besteht eine Dialektik von Gleichheit und Verschiedenheit. Es gibt Organe mit zwei, drei oder vier Kammern, die wir alle als Herz bezeichnen, weil sie Blut pumpen. Weil das Herz eines Frosches nicht gleich aussieht wie das Herz eines Adlers oder das eines Menschen,  darf daraus nicht geschlossen werden, dass ein Frosch kein Herz hat. Bei Emotionen ist es ähnlich: Nur weil Hunde-Freude, Schimpansen-Freude und Menschen-Freude nicht vollkommen gleich sind, bedeutet das nicht, dass eines dieser Wesen keine Freude empfindet. Sollte es bei der Würde nicht ebenso sein? Wäre es vorstellbar, dass jede Klasse, Gattung oder Art von Tieren ihre ganz spezifische Würde hätte? Es gäbe dann Hunde-Würde und Schimpansen-Würde, Ameisen-Würde und Menschen-Würde. Alle diese verschiedenen und nicht gegeneinander auszuspielenden Würden aber zeichneten sich durch etwas Gemeinsames und Wesentliches aus: den Verweis auf den unbedingten Eigenwert jeder Kreatur und den Widerstand gegen ihre bloße Instrumentalisierung und alltägliche Erniedrigung.


Kurt Remele lehrt Ethik und Gesellschaftslehre an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Graz. Er ist Fellow des Oxford Centre for Animal Ethics und Autor des Buches Die Würde des Tieres ist unantastbar. Eine zeitgemäße christliche Tierethik. Überarbeitete Neuausgabe, Kevelaer: Topos Premium 2019.

[i]  Foer, Jonathan Safran, Tiere essen, Frankfurt am Main 42014, 290f.

[ii] Walzer Michael, Lokale Kritik – globale Standards. Zwei Formen moralischer Auseinandersetzung, Hamburg 1996, 19; Küng, Hans, Weltethos für Weltpolitik und Weltwirtschaft. München 1997, 134-137.

Foto: Pro Animale für Tiere in Not e.V.