“Wir müssen aufhören, männliche Kälber als Abfallprodukte zu sehen!”

Geht es um Missstände bei Tiertransporten, ist Dr. Alexander Rabitsch einer der gefragtesten Experten in Europa. Damit hat sich der Kärntner Tierarzt nicht nur Freunde gemacht. Er schult Verkehrspolizisten und Amtstierärzte in Österreich, Deutschland, Polen, Bulgarien, Lettland und Litauen, ist Gerichts-Sachverständiger, Buchautor, und auch an der Seite von Tierschutzaktivisten immer wieder zu finden.


Erzählen Sie uns doch bitte etwas über Ihre Tätigkeit als Tiertransport-Inspektor.

Der Tierschutz war für mich schon immer wichtig, auch bei meiner Berufswahl. Von 1998 bis 2012 habe ich als Tiertransport-Inspektor stichprobenweise den Tierverkehr in und durch das Bundesland Kärnten kontrolliert. In dieser Zeit hat mich die Europäische Kommission wiederholt eingeladen, in Mitgliedstaaten der EU Vorträge über den tierschutzgerechten Transport von Tieren zu halten. 2013 hat dann das Land Kärnten meinen Vertrag als Tiertransport-Inspektor nicht mehr verlängert. Über die Gründe mag man spekulieren, mich hat es jedenfalls sehr getroffen. Mein Gedanke: Jetzt erst recht! Ich habe begonnen, mit NGOs wie „Animals´ Angels“ zusammenzuarbeiten. Seit 2015 führe ich im Auftrag des Tierschutzbund Zürich, der Animal Welfare Foundation und Eyes on Animals Schulungen von Amtstierärzten und Verkehrspolizisten durch.

Gab es Erlebnisse, die Sie besonders berührt oder geprägt haben?

Die Tiertransportkontrollen von Lämmern, die um die Osterzeit aus Warschau nach Rom transportiert werden, haben zu Beginn meiner Tätigkeit viele Fragen aufgeworfen. Ich habe festgeklemmte Lämmer gesehen, deren Muskulatur bis auf die Knochen abgescheuert war.      

Wie sieht ein tierschutzgerechter Transport von Tieren aus?

Kurz! Je länger der Transport, umso mehr leiden die Tiere. Von den Fahrzeugen und deren Einrichtungsgegenständen darf keine Gefahr ausgehen. Auch amtlich zugelassene Transportfahrzeuge können ein massives Risiko darstellen. In 50% der Fälle passieren Verletzungen, wenn sich Körperteile unter Trennwänden oder dem Hubboden und der Außenwand oder Stirnwand verkeilen. LKWs erhalten eine Zulassung für fünf Jahre, wobei die Tiertransport-Verordnung großen Interpretationsspielraum hinsichtlich der Eignung, Tiere vor Schäden zu bewahren, zulässt.

Gibt es genügend Transportkontrollen?

Zu exportierende Tiere werden in Österreich vor der Verladung durch Amtstierärzte kontrolliert. Beim Import gibt es nur Stichproben und viel zu wenige Kontrollen. Im Falle von Schlachttransporten wird v.a. kontrolliert, ob die Tiere schlachtfähig sind. Sie dürfen keine äußeren Verletzungen aufweisen und müssen gehen können. Die Eignung der LKWs wird dabei selten überprüft.

Welche Mängel erkennen Sie beim Transport von Tieren? Wo sehen Sie Verbesserungsmöglichkeiten?

Neben ungeeigneten oder fehlenden oder unzugänglichen Tränken, Verletzungsgefahren durch ungeeignete Ausstattung inkl. zu geringen Deckenhöhen werden die erlaubten Transportzeiten der Tiere oft deutlich überschritten. Es kommt häufig zu sehr langen Wartezeiten an den EU-Außengrenzen und Zollhäfen. Außerhalb der EU fehlen geeignete Versorgungs- und Kontrollstationen. Die gesetzlich vorgeschriebenen Ruhe-, Tränk- und Fütterungspausen werden weitgehend ignoriert. Außerhalb der EU-Grenzen finden keine Kontrollen zum Schutz der Tiere statt. Es fehlen geeignete Notfallpläne, um den Tieren im Ernstfall möglichst schnell und effektiv helfen zu können. Kranken und verletzten Tieren wird oft über Tage hinweg nicht geholfen. Weil oft zu viele Tiere pro LKW verladen werden, erreichen nicht alle Tiere die Wassertränken, haben nicht genug Platz sich hinzulegen und aufzustehen. Über tausende Kilometer müssen die Tiere in ihren eigenen Exkrementen stehen. In der Enge kann die Luft nicht zirkulieren – Ammoniakgase reizen die Atemwege der Tiere. Höchsttemperaturen werden überschritten und Mindesttemperaturen unterschritten. Es wurde schon bekannt, dass LKWs mit den Tieren völlig durchgefroren waren. Muttertiere werden teilweise hochschwanger transportiert und bringen unterwegs ihren Nachwuchs zur Welt.

Gründliche Kontrollen und Plausibilitätsprüfungen geplanter Tiertransporte sind eine Herausforderung und benötigen spezielles Fachwissen. Zeitdruck kommt erschwerend hinzu. Immer wieder genehmigen die Veterinärbehörden Transporte, auch wenn sie die Tierschutzvorschriften nicht erfüllen.

Sind Langstreckentransporte rechtskonform durchführbar?

Langstreckentransporte dauern über acht Stunden. Das Transportunternehmen muss 48 Stunden vor Transportbeginn der Behörde einen Plan der Route vorlegen. Dieser gibt z.B. Auskunft, ob entsprechende Versorge-Stationen auf der Wegstrecke liegen und ob der Transport wirklichkeitsnahe durchführbar ist. Während und nach dem Transport kann die die Veterinärbehörde mittels Fahrtenbuch, Temperaturmessgerät im LKW und dem Navigationssystem (Route, Aufenthaltsorte, Ladeklappenöffnung) Kontrollen durchführen. Man kann etwa anhand der Temperaturschreiber überprüfen, ob die Tiere bei einer Versorge-Station tatsächlich entladen wurden. Bei einer Außentemperatur von z.B. -15 Grad Celsius ist leicht zu erkennen, ob die Temperatur im LKW auch unter null Grad wandert oder ob sie, wenn kein Entladen erfolgt, bei Plusgraden bleibt. Weiters müssen die Papiere der Fahrer vorgelegt werden. Zwei Fahrer dürfen maximal 18 bis 20 Stunden fahren. Nach dieser Zeit müssten zwei neue Fahrer vor Ort zusteigen. Laut Europäischem Recht sind allein deswegen Langstreckentransporte illegal, da diese Fahrerwechsel in der Praxis einfach nicht stattfinden. Illegal sind Langstreckentiertransporte auch, weil außerhalb der EU keine Verlade- und Versorgungsstationen mit geeigneten Ställen existieren. Sobald die Tiere die EU-Außengrenze überqueren, sind sie schutzlos. Denn in den Zielländern Asiens, Nordafrikas oder dem Nahen Osten gibt es meist keine Tierschutzgesetze. Die EU-Tierschutz-Transportverordnung Nr. 1/2005 müsste bis zum endgültigen Zielort der Tiere eingehalten werden, selbst dann, wenn dieser außerhalb der EU liegt.

Schleswig-Holstein, Hessen und Bayern haben den Rindertransport in Nicht-EU-Länder untersagt. Wie können Transporte in kritische Drittstaaten überprüft werden?

In vielen Ländern existiert kein Tierschutz, da spielt die europäische Tierschutzgesetzgebung schlicht keine Rolle. Das ist aus zahlreichen Publikationen bekannt. Es gäbe die Möglichkeit, auch Langstreckentransporte zu überprüfen – doch das ist noch unbezahlte Arbeit. Wie heißt es so schön: Wo kein Kläger, da kein Richter! Es gibt zu wenige Amtstierärzte, deswegen wird auch oberflächlich kontrolliert. Solange die Gesetze beim Transport nicht wirksam überwacht und erfüllt werden, müssen wir Tiertransporte in Drittstaaten verbieten!

Wie bewerten Sie die Entscheidung des österreichischen Gesundheitsministeriums, das Be- und Entladen von Tieren nicht mehr zur Beförderungszeit zu zählen?

Die Europäische Verordnung zum Schutz der Tiere beim Transport [VO(EG)1/2005] ist seit 2007 gültig. Es gab seither keine Gesetzesänderung. Die Verordnung besagt klar, dass Langstreckentiertransporte so weit wie möglich zeitlich einzuschränken sind. Das Wohl der Tiere hat im Vordergrund zu stehen. Der Stress für die Tiere beginnt beim Verladen – und nicht erst, wenn der Transporter rollt. Der Transport beginnt somit mit der Verladung des ersten Tieres und endet mit der Entladung des letzten. Das können Sie auch in der von mir verfassten ursprünglichen Version des Österreichischen Handbuches zu Tiertransporten (2010) nachlesen. Neuerdings glaubt das Ministerium die reine Fahrtzeit ohne Ver- und Entladung als Berechnungsgrundlage heranziehen zu dürfen. Insofern arbeitet Österreich hier plötzlich für den Tierhandel und gegen die Tiere.

Welche Vorgangsweise halten Sie betreffend der EU-rechtswidrigen Kälbertransporten für sinnvoll? Wäre es möglich, Kälber während des Transports mit Milchaustauschern zu versorgen?

Aus wirtschaftlichen Gründen werden die preislich nahezu wertlosen Kälber von Westösterreich nach Italien oder Spanien gebracht. Dort werden sie in Großbetrieben einige Monate lang unter deutlich niedrigeren Haltungsstandards als in Österreich gemästet. Die Tiere werden im Alter ab 2 Wochen auf Vollspaltenböden und oft in Einzelboxen gehalten und nicht wie vorgeschrieben gefüttert.

Diese kleinen Kälber sind gerade mal 2, 3 Wochen alt und schon über 19 Stunden am LKW. Sie müssten während dieser Zeit auch mit Flüssignahrung gefüttert werden, weil sie sich noch nicht von Festfutter (Heu) ernähren können. Sie verstehen aber die ihnen unbekannten Tränkenippel am LKW nicht, müssten an diese herangeführt werden und dort eine kontrollierte (!) Menge von körperwarmen Milchaustauscher bekommen. Theoretisch ist das alles machbar. Es dauert aber viele Stunden, z.B. 200 Kälber auf einem Sattelschlepper individuell zu versorgen. Und deswegen wird es nicht gemacht! 

Wie lange darf der Transport von nicht abgesetzten Kälbern dauern?

Der Transport darf acht (bis max. 12) Stunden dauern – alles andere mag gesetzlich erlaubt sein, führt aber mit Sicherheit zu Tierleid. Säugetiere sollten vor dem Transport vom Muttertier entwöhnt sein. Im Falle der Kälber wäre das in einem Alter von acht bis 10 Wochen. Tatsächlich werden sie bereits mit zwei bis drei Wochen transportiert, können daher nicht ausreichend Heu fressen, da ein Teil des Magens ist noch nicht ausgebildet ist. Wären die Kälber bei ihren Müttern, würden sie alle vier bis fünf Stunden säugen. Wir müssen aufhören, männliche Kälber als „Abfallprodukt“ zu sehen. Hier braucht es Systemänderungen! Weg von Hochleistungsrassen und der Überschussproduktion hin zu robusteren, gesünderen Zweinutzungsrassen.

Wie viele Tiere sterben bei diesen Transporten?

Bei Huftieren liegt die Sterberate bei unter 1%, bei Geflügel sind es i.d.R. unter 0,5 %. Tote Tiere werden aber oft vor den Kontrollen entsorgt, das verfälscht die Zahlen. Es gibt außerdem Studien, die belegen, dass viele Kälber die Tortur des Transports zwar überleben, nach ihrer Ankunft aber erkranken. Und das an Krankheiten, bei denen die Inkubationszeit eine lange ist.

Weshalb werden Lebendtiertransporte über weite Strecken durchgeführt, statt das Fleisch tiefgekühlt zu exportieren?

Es handelt sich um etablierte Systeme, deren Änderung einen Aufwand bedeuten. Die Logistik einer Transportkette von z.B. Norddeutschland über Libanon nach z.B. Syrien wird nicht so leicht aufgegeben. Lebendtiere werden auch oft „eingebürgert“ und als heimische Produktion bezeichnet. Beispielsweise kann Parmaschinken von Schweinen stammen, die 8 Tage zuvor schlachtreif aus Holland nach Italien verbracht worden sind.

In Österreich gibt es einige Initiativen, die eine „stressfreie Schlachtung im gewohnten Lebensumfeld der Nutztiere“ gesetzlich verankern möchten. Was halten Sie davon?

Weide- und Hofschlachtungen sind zu befürworten, allerdings ist diese Art der Fleischproduktion bei den derzeitigen Konsumgewohnheiten wie ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Der globale Handel mit Zuchtrindern floriert …

Ja, und das bereitet Anlass zur Sorge: Seit Jahrzehnten werden zigtausende Zuchtrinder aus Europa in den Nahen Osten, in den Maghreb, nach Russland, Usbekistan und Kasachstan, neuerdings auch nach Turkmenistan transportiert, ohne dass dies zum Aufbau von nennenswerten Tierpopulationen für die Milchproduktion geführt hätte. Wenn es an der Fut­terbasis, am Wissen und Können mangelt und die klima­tischen Voraussetzungen für die Zucht schwarzbunter Hochleistungsrinder eindeutig nicht gegeben sind, so ist das Handeln und der Handel Europas in höchstem Maße hinterfragenswert. Im Übrigen werden auch diese Zuchttiere und deren Kälber schlussendlich oftmals unter Bedingungen geschlachtet, die mit den Tierschutzstandards der EU rein gar nichts zu tun haben.

Was wünschen Sie sich vom Tierschutzvolksbegehren?

Ich wünsche mir, dass Inhalte über das Gewohnte hinaus weitergegeben werden. Österreich wird in Sachen Tierschutz oft als vorbildlich bezeichnet, doch wenn man genau hinschaut, erkennt man die Missstände. 98% der österreichischen Schweine verbringen zum Beispiel ihr Leben in der tristen Umgebung konventioneller Haltungssysteme, auf Vollspaltenböden, über ihren Exkrementen und ohne jegliche Einstreu. Was die Käfighaltung für die Hennen bedeutet, ist für Schweine der Vollspaltenboden.

Vielen Dank für das Interview!


Dr. med. vet. Alexander Rabitsch

Der Facharzt für Kleintiere und Sachverständige Dr. Alexander Rabitsch ist Sprecher für Tierschutz bei den Grünen in Kärnten. In unzähligen Publikationen, Vorträgen und mittels Fortbildungen gibt er sein Fachwissen im Bereich Tierschutz und Tiertransport weiter.

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