Gefährdete Lerche: “Auswirkung der industrialisierten Landwirtschaft”

Sie geben Vögeln eine Stimme! Die bundesweit tätige ornithologische Vereinigung – BirdLife Österreich – setzt wissenschaftlich fundierte Natur- und Vogelschutzprojekte um. Geschäftsführer Dr. Gábor Wichmann hat mit uns über die Relevanz der Biodiversität und über die Ursachen des Vogel- und Artensterbens in Zusammenhang mit der konventionellen Landwirtschaft, gesprochen.

Wie kam es zu Ihrer Tätigkeit für BirdLife?

Schon als kleiner Junge habe ich Ornithologie beitrieben, da mein Vater als Hobby Vögel beobachtet hat. Noch während meiner Schulzeit war ich für BirdLife (damals noch Österreichische Gesellschaft für Vogelkunde) ehrenamtlich tätig. Während meines Studiums kamen die ersten bezahlten Projekte über BirdLife dazu. Gleich nach dem Studium ergab sich zufällig eine Anstellung. 

Welche Rolle spielen heimische Vögel im Kreislauf der Tier- und Pflanzenwelt und weshalb ist die Artenvielfalt so wichtig?

Vögel stellen eine Tiergruppe dar, die uns auch als Indikatoren dient. Sie geben wichtige Aufschlüsse über den Zustand der Natur. Betrachtet man das gesamte Ökosystem sollte man sich das Artengefüge als Gebäude aus einzelnen Bausteinen vorstellen. Wenn das Gebäude stabil gebaut ist, kann man einzelne Bausteine herausziehen und nichts passiert. Je mehr Bausteine man aber entnimmt, umso instabiler wird das Gebäude. Und irgendwann bricht es zusammen.

Die Feldlerche ist der Vogel des Jahres 2019 – Weshalb?

In den letzten 20 Jahren ist in Österreich die Hälfte des Bestandes verschwunden. Sie steht sinnbildlich für die Biodiversitätskrise im Landwirtschaftsbereich.

Für welche Vogelarten erarbeitet BirdLife derzeit Schutzprojekte? Wie können Schutzmaßnahmen aussehen?

Wir haben eine breite Streuung von Schutzprojekten, die vom Einzelartenschutz für Braunkehlchen oder Kiebitz bis zum Lebensraumschutz gehen. Allen ist gemein, dass wir eng mit den Landnutzern kooperieren. Anders geht es ja auch nicht. Die Maßnahmen reichen von der Gestaltung eines vielfältigen Lebensraumes bis hin zum Schutz von Bruten (z.B. vor dem Ausmähen).

Wie sehen die wichtigsten ökologischen Faktoren für Vögel im Grün- und Ackerland aus und weshalb sind diese bedroht?

Die Artenvielfalt ist umso höher, je diverser der Lebensraum ist. Im Ackerland sind Brachen, Raine, Büsche, Baumreihen oder Einzelbäume wichtige Strukturelemente. Diese verschwinden jedoch zunehmend aus der Landschaft und fehlen in manchen Bereichen vollkommen. Aber auch die Nutzungsvielfalt ist wichtig. Gerade kleinparzellige Ackerlandschaften mit vielen verschiedenen Kulturen erhöhen die Artenvielfalt.

Im Grünlandbereich schmerzen uns die Verluste extensiver Wiesen, die nur ein- oder zweimal im Jahr gemäht werden. Schon bei dreimaliger Mahd überleben die wenigsten Bodenbrüter. Die Wiesen werden aufgrund der Düngung zunehmend eintöniger und artenärmer. Schöne, abwechslungsreiche Blumenwiesen fehlen zusehends. Auch in Wiesengebieten sind Randstrukturen mit Büschen, Einzelbäumen oder Wegrainen entscheidend für die Artenvielfalt.

Das Insektensterben, der Vogelschwund und der allgemeine Biodiversitätsverlust sind Auswirkungen der Industrialisierung der Landwirtschaft.

Wie wichtig sind Monitoring-Projekte für den Artenschutz?

Monitoring ist die Grundlage für die Einschätzung des Zustands der Arten.

Laut des Brutvogelmonitorings von BirdLife wirken sich Biodiversitätsflächen im Acker positiv aus. Wie kann die Akzeptanz für Agrarumweltmaßnahmen gesteigert werden und welche Mängel gibt es bei der Umsetzung im Grün- und Ackerland?

Die Akzeptanz kann nur durch eine gute Bewerbung bei den Landwirten erreicht werden. Sobald diese merken, was die Maßnahmen bewirken, sind schon viele Landwirte begeistert. Prinzipiell gibt es Maßnahmen, die einfach keine Wirkung auf die Biodiversität haben, aber als solche bezeichnet werden. Allen voran ist hier das Greening (Zahlungen für Landbewirtschaftungsmethoden, die den Klima- und Umweltschutz fördern) zu nennen. Um aus der ersten Säule der GAP (Gemeinsame Agrarpolitik) Direktförderung zu bekommen, mussten Landwirte einen bestimmten Standard für den Natur- und Umweltschutz erfüllen. Dieser war aber so verwässert, dass die Auswirkungen auf die Biodiversität zu vernachlässigen waren.

Wie wird der Naturschutzwert einer Fläche bemessen?

Da gibt es verschiedene Herangehensweisen. Aktuell wird ja im Rahmen der „Ländlichen Entwicklung“ nur der Verdienstentgang herangezogen, ohne Parameter wie die Seltenheit oder den Gefährdungsgrad von Arten und Ökosystemen zu berücksichtigen. Das bewirkt, dass Flächen, die eine geringe Produktivität aufweisen, nur gering entschädigt werden. So bekommt der Landwirt für wunderschöne Trockenrasen von hohem Naturschutzwert nur wenig Entgelt.

Wie kann eine Prämienstaffelung in Bezug auf Besatzdichte und Milchproduktion im Rahmen von Agrarumweltmaßnahmen erreicht werden?

Am besten wäre es, beim Wert der Großvieheinheiten (GVE)/ha anzusetzen. Je geringer dieser Wert, umso extensiver werden die Flächen bewirtschaftet. Ein Wert von 1 GVE/ha erscheint recht zielführend. Darunter sollte es Prämien geben. Die Flächen mit 1 GVE/ha dürften einen gewissen Anteil an zweimähdigen Wiesen ermöglichen.

Welche Handlungsempfehlungen sind betreffend des Vogel- und Artenschutzes im eigenen Garten umsetzbar?

Um den eigenen Garten vogel- und insektenfreundlich zu gestalten, sollte man alte Bäume, solange diese nicht gefährdend sind, stehen lassen. Der Verzicht auf Dünger und chemische Pflanzenschutzmittel und die Anpflanzung von heimischen Wildblumen, Gemüsesorten und Wildkräutern fördern Insekten und Vögel. Mit heimischen, bunten Hecken, sowie dem Einrichten von wilden Ecken mit Samenpflanzen und hochwachsenden Wiesen bietet man den Tieren Nahrungs- und Lebensräume an. Auch sollte man die Glasscheiben von Häusern für Vögel sicher machen.

Worauf ist bei der Vogelfütterung zu achten?

Futtersysteme, bei welchen Vögel nicht direkt im Futter sitzen können, dienen dem Schutz vor der Übertragung von Krankheiten. Das können Futtersilos oder Futtersäulen sein. Das Futter selbst sollte sauber, trocken und vielfältig sein: Körnerfutter, Nüsse, Fettfutter, Hafer- und Getreideflocken, Obst und Beeren. Auch das Wasser in Vogeltränken ist regelmäßig zu wechseln.

Wie flexibel sind Vögel beim Erschließen neuer Habitate aufgrund des Klimawandels? Weshalb gibt es mehr Verlierer als Gewinner?

Das kommt auf die Art an. Je spezialisierter eine Art ist, umso schwerer kann sie auf Änderungen reagieren. Besonders gefährdet sind Inselarten und endemische Arten. Weil der Lebensraum immer knapper wird, gibt es mehr Verlierer.

Mit der Kampagne #FlightForSurvival will BirdLife auf den illegalen Vogelmord aufmerksam machen und die Zugrouten für unsere Vögel sichern. Wie kann letzteres gelingen?

Durch Zusammenarbeit und Aufklärung der Bevölkerung vor Ort., aber auch durch das Anbieten anderer Verdienstmöglichkeiten für die Bevölkerung vor Ort. In manchen Ländern geht es zudem um die Umsetzung der rechtlichen Bestimmungen.

Was wünschen Sie sich vom Tierschutzvolksbegehren?

Ich wünsche mir, dass es erfolgreich dazu beitragen kann, die Landwirtschaft nachhaltiger zu gestalten.

Danke für das Interview!


Der Biologe und Ökologe Gábor Wichmann ist seit 1999 als Ornithologe tätig. Seit dem Jahr 2000 arbeitet er für BirdLife Österreich, wo er seit 2017 Geschäftsführer ist. Weiters ist er Vorstandsmitglied der Stiftung Blühendes Österreich. Auch privat verbringt der Vater von Zwillingen gerne Zeit mit der Beobachtung von Vögeln.


Fotocredits: Feldlerche © Michael Dvorak / BirdLife