SOKO Tierschutz-Gründer: „Lebendrupf ist grausamste Sache, die ich je gesehen habe“

80 Prozent der Gänse, die in Österreich als Martini- oder Weihnachtsgans auf dem Teller landen, stammen aus dem Ausland. Die größten Produktionsländer sind Frankreich, China, Bulgarien, Ungarn und Spanien. Dort sind die tierquälerischen Praktiken der Stopfmast und des Lebendrupfes noch erlaubt. Friedrich Mülln, der Gründer der SOKO Tierschutz, hat uns erzählt, was er im Rahmen seiner Recherchen in Ungarn erfahren hat und was die Massentierhaltung, die Stopfmast und das Harvesting für die intelligenten Wasservögel bedeuten.

Was ist eine Stopfleber und welche Produkte sind betroffen?

Stopfleberproduktion bedeutet, dass eine Gans oder Ente durch gewaltsames Zwangsfüttern gezielt krank gemacht und damit eine mehr als zehnfach vergrößerte Stopfleber erzielt wird.

Das Leid der Stopfleberproduktion findet sich in vielen Produkten wieder: neben der Gänse- oder Entenstopfleber auch in Fleisch, Fett, Gänsebrust, Entenkeulen, Gänseschmalz, belgischen Terrinen und Pasteten oder Daunen (Bettwaren, Jacken, Schlafsäcken etc.).

Wie viele Gänse werden in ungarischen Mastanlagen auf welche Art und Weise gehalten?

Tausende Gänse und mehr werden in Käfigen (allein oder in Gruppen) oder in Bodenhaltung in riesigen Hallen ohne Auslauf, Sonnenlicht und Wasserzugang gehalten. In den Käfigen kommen Drahtgitter- oder Spaltenböden zum Einsatz.

Weshalb ist der fehlende Auslauf oder Wasserzugang besonders qualvoll für die Tiere?

Gänse sind sehr soziale und intelligente Lebewesen. Sie haben Schwimmhäute zwischen den Zehen und sind in der Lage zu schwimmen. Der fehlende Wasserzugang hindert sie daran ihre natürlichen Verhaltensweisen, wie das Baden, auszuleben. Selbst bei der Weidehaltung von Gänsen fehlt sehr oft der Zugang zum Wasser.

In welchem gesundheitlichen Zustand befinden sich die Tiere und welchen Stressoren sind sie noch ausgesetzt?

Fehlende Rückzugsmöglichkeiten, Platzmangel und die Beschaffenheit der Käfige führen zu Flügelbrüchen und anderen Verletzungen an Beinen, Füßen, den Schnäbeln und dem Gefieder. Unter den Käfigen bilden sich Blutlacken. Das schlechte Stallklima und das Leben auf dem eigenen Kotmorast führen zu Entzündungen der Atmungsorgane und Augen. Krankheiten (Fieber, Viren- und Pilzbefall) stehen auf der Tagesordnung. Die tägliche Zwangsfütterung, der Bewegungsmangel und das rasche Anschwellen der Leber führen zu Atem- und Erstickungszuständen durch Überfettung. Die Zwangsfütterung bedingt Halsverletzungen und Infektionen der Speiseröhre. Letztere kann so stark verletzt sein, dass sich Löcher bilden und Wasser während des Trinkens ausläuft. Durch die extreme Zuchtselektion und die Zwangsfütterung können die Tiere das eigene Körpergewicht nicht mehr tragen. Damit verbunden sind chronische Gelenksentzündungen und Knochenbrüche. Zusätzlich werden die Schnäbel der Tiere verstümmelt.

Was passiert mit den Fäkalien der Gänse?

Die Käfige der Gänse werden nicht ausgemistet. Nach der Schlachtung werden die ätzenden Fäkalien häufig ungeschützt in die Natur geleitet. Riesige Gülleseen sind Begleiterscheinungen der Käfigbatteriefarmen.

Welche Art der Mast gibt es und braucht es spezielle Zuchtlinien?

Mastverfahren unterscheiden sich in der Mastdauer. Die verkürzte Mastdauer (acht bis zehn Wochen) soll Futterkosten sparen. Für die intensive Daunen- und Fleischproduktion werden spezielle Zuchtlinien verwendet. Diese erreichen binnen kürzester Zeit ihr Schlachtgewicht. Neben den Mastbetrieben gibt es Zuchtbetriebe und Brütereien. Auch die Besamung der Gänse ist eine besonders qualvolle Tortur.

Wie oft müssen Gänse das Martyrium des Stopfens über sich ergehen lassen und wie funktioniert eine Stopfmaschine?

Bis zu sechsmal täglich über vier Wochen! Durch ein etwa 50 Zentimeter langes Metallrohr werden gequollener, stark gesalzener Maisbrei und Schweinefett direkt in den Verdauungstrakt der Tiere gepumpt- das funktioniert maschinell (pneumatisch). Wird die Menge des Breis zu hoch dosiert, platzt der Verdauungstrakt und die Tiere verenden.

Für die Produktion einer Stopfleber werden 23 Kilogramm Mais „verfüttert“. Auf den Menschen umgerechnet würde das bedeuten, dass wir täglich ein Fünftel unseres Körpergewichtes essen müssten. Die Leber einer Stopfgans wiegt bei der Schlachtung 1000 bis 3000 Gramm, statt der üblichen 300 Gramm.

Wie hoch ist die Sterberate? In welchem Alter werden die Gänse geschlachtet?

Die Sterberate ist aufgrund der täglichen Belastungen sehr hoch. Mastgänse sterben oft schon vor der eigentlichen Schlachtung an Herzversagen, Erstickung oder an Infektionen. Mast- oder Zuchtgänse werden schon nach wenigen Monaten (16 – 24 Wochen) getötet. Unter natürlichen Bedingungen können Gänse ein Alter von mehreren Jahrzehnten erreichen.            

Was passiert mit den weiblichen Küken?

Weil sie weniger Fleisch als männliche Tiere ansetzen, werden weibliche Küken wenige Stunden nach der Geburt geschreddert.

Welche gesundheitlichen Gefahren für den Menschen sind bekannt?

Gänse zu stopfen bedeutet, sie gezielt krank zu machen. Kranke Tiere sind empfänglich für weitere Krankheiten. Die meisten Vogelgrippeausbrüche sind übrigens in Wassergeflügelbeständen zu verzeichnen. Das ist wenig verwunderlich, wenn man sich die geschwächten Tiere in Massentierhaltung, Stopfmast und Lebendrupf ansieht. Jeder Ausbruch birgt die Gefahr einer Mutation und einer weltweiten Eskalation unbekannten Ausmaßes. Stopfleber und -fleisch sind zudem extrem ungesund. Das Fleisch und die Organe sind völlig verfettet (50 Prozent Fettgehalt). Es gibt Studien, die einen Zusammenhang von Stopfleber und Alzheimer sowie rheumatischen Erkrankungen festgestellt haben.

Woher stammen die Daunen?                                                                       

Die meisten Daunen stammen aus der Massentierhaltung von Enten. Die zweite Daunenquelle ist die Stopfleberproduktion, in welcher allein in der EU etwa 50 Millionen Enten und rund 6 Millionen Gänse leiden. Die Enten werden in enge Einzelkäfige gesperrt und können sich nicht einmal umdrehen. Die dritte Daunenquelle ist das sogenannte Harvesting von Gänsen, das auch als Lebendrupf oder Mauserrupf bekannt ist. 

Wie kann man sich das sogenannte Harvesting (Lebendrupf) vorstellen? Welches Leid wird den Gänsen dabei zugefügt?

Beim Lebendrupf werden den Gänsen und Enten die Federn und Daunen entweder maschinell oder mit bloßen Händen aus der Haut gerissen. Die Gänse sind nach dem Rupf blutüberströmt. Beim Rupf werden auch Flügel gebrochen und Gelenke ausgerenkt. Es gehört zu den grausamsten Sachen, die ich jemals gesehen habe. Die Tiere werden ohne Frage schwer traumatisiert. In Polen zum Beispiel werden die für tote Tiere gedachten Rupfmaschinen bei lebenden Tieren genutzt.

Wie oft werden Mastgänse auch für den Lebendrupf genutzt?

Mastgänse werden bis zu viermal im Jahr, Stopfgänse eher selten, oder wenn dann einmal gerupft. Bei ganz jung geschlachteten sogenannten Grillgänsen kommt es zu keinem Lebendrupf. Einige Vögel aus der Daunenproduktion werden für die Stopfleberproduktion zwangsgemästet, bevor sie geschlachtet werden.

Werden die Wunden der Tiere versorgt?

Die Wunden werden ohne Betäubungsmittel genäht und manchmal desinfiziert. So ein Rupf verursacht aber tausende kleine Wunden. Gebrochene Flügel oder Gelenke werden nicht versorgt.

Weshalb wird der Lebendrupf trotz des EU- weiten Verbots noch praktiziert?

Der Lebendrupf wurde einfach in „Harvesting“ umbenannt- es heißt jetzt, dass es keinen Lebendrupf mehr gibt. Die Daunenindustrie übt großen Druck auf die EU aus und die lokalen Behörden in Ungarn oder Polen sehen weg.

Welche Alternativen zu Daunen gibt es?

Synthetische Hohlfasern oder Naturfasern wie Baumwolle oder Kapok wärmen im Gegensatz zu Daunen auch bei Nässe effektiv. Für alle Waren mit Daunen gibt es Alternativprodukte. Weil Daunen aufwendig gereinigt werden müssen, ist auch die Umweltbilanz von alternativen Produkten eine bessere. Zudem verbraucht die Gänse- und Entenhaltung gewaltige Mengen an wertvollen Lebensmitteln.

Danke für das Interview!


Friedrich Mülln kämpft seit 20 Jahren für Tierrechte, Umwelt und Verbraucherschutz. Als Gründer des Vereins „SOKO Tierschutz“ in Augsburg decken er und sein Team Tierschutzverbrechen auf.

www.friedrich-muelln.info

www.soko-tierschutz.org



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