Leonhard-Preisträgerin Rebitsch: “Wir töten die männlichen Küken nicht”

Hühner-, Bienen- und Ponypatenschaften, eine Hundewiese und Erholungsraum- das alles bietet Gerda Rebitsch an. Gemeinsam mit ihrem Mann bewirtschaftet sie einen Hof in Brixlegg, in Tirol. Das Paar will Tiere aus der Anonymität holen und sie dem Konsumenten in all ihren Lebenssituationen näher bringen. Mit uns spricht Gerda Rebitsch über eine transparente Landwirtschaft, Zweinutzungsrassen und den Umgang mit der Natur.

Welche Grundidee steht hinter „I hob an Vogel“ und dem Prinzip der Hühnerpatenschaft?

Als ich meine ersten Eier verkaufte, musste ich mich schnell den Schwankungen und der Nachfrage des Marktes unterwerfen. Daher entstand der Gedanke Konsument und Tier wieder näher zueinander zu führen. Mir war es wichtig aufzuzeigen, dass Tiere keine Maschinen sind und auch nicht nach dem Bedarf des Konsumenten Eier legen.

Was verstehen Sie unter einer transparenten Landwirtschaft?

Geöffnete Türen! Transparenz bedeutet, dass der Kunde das Tier kennt, besuchen und sich selbst von seinem Zustand überzeugen kann. Transparenz bedeutet auch, die natürlichen Abläufe in der Tierwelt offen zu legen- ein Huhn das brütet, eine Glucke mit ihren Küken, ein Hahn der beschützt und zerrupfte Hühner in der Mauser. Meiner Meinung nach, wurde die Kluft zwischen Produzent und Konsument ganz bewusst geschaffen, um das Bild des glücklichen Tieres aufrecht zu erhalten.

In welcher Hinsicht kann Mensch Verantwortung übernehmen?

Er kann eine bewusste Entscheidung treffen, welche Linie er unterstützt – Zweinutzungsrasse oder Hochleistungshuhn? Eine Entscheidung für oder gegen Hähne und männliche Küken. Wenn unsere Hühner alt werden, kann der Pate eine bewusste Entscheidung treffen. Entweder bleibt er seiner „old Lady“ treu und hat dadurch weniger Eier oder er gibt sein Huhn zur Schlachtung frei.

Wie funktioniert eine Hühnerpatenschaft und welche Vorteile hat sie? Man sucht sich ein Huhn aus und gibt ihm einen Namen. Dieses wird gemeinsam beringt, damit es immer erkannt werden kann. Das Huhn soll bewusst aus der Anonymität geholt und dessen Leben begreifbar gemacht werden. Als Pate hat man ein Anrecht auf die Eier aus unserer Herde und die Gewissheit über die Art der Entstehung des Lebensmittels. Unsere über 200 Hühner genießen ganzjährigen Freigang. Kräuter im Auslauf werden zur Selbstheilung genutzt. Bäume bieten den Tieren Schutz und Schatten. Wir lassen die Hühner ihre angeborenen Verhaltensweisen ausleben- Hühner brüten ihre Jungen selbst aus und ziehen sie auch groß. Da ein Huhn, das gluckt ca. drei Monate mit dem Eierlegen aussetzt, wird das so in der Wirtschaft leider nicht umgesetzt. Ein weiterer Vorteil ist, dass man die Zeit auf unserem Hof zur Entspannung nutzen kann. Kinder erhalten den dringend notwendigen Kontakt zu Tieren.

Kann eine Patenschaft auch unabhängig vom Wohnort angetreten werden?

Ja, bedingt. Wir arbeiten mit einem Partner in Innsbruck zusammen, über den man Eier beziehen kann. Weitere Stationen wie „Wörgl“ und „Kufstein“ sind geplant. Wir haben auch Paten aus anderen Bundesländern, denen Veganismus wichtig ist. Sie finanzieren den Lebensabend von Hühnern, ohne Eier zu beanspruchen.

Welche Zweinutzungsrassen halten Sie und weshalb sind viele vom Aussterben bedroht?     

Zweinutzungsrassen, die wir halten sind z.B.: Sundheimer, Vorwerk, Araucaner und Bresse. Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es „nur“ Zweinutzungsrassen. Man konnte es sich nicht leisten Hähne zu verschwenden. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat die Zucht zur Profitmaximierung eingesetzt (Hybridhühner, Hochleistungsmilchkühe, usw.). Eierleistung und Fleischbesatz stehen immer in einem gegensätzlichen Verhältnis zueinander. Wir haben mit reinrassigen Hühnern gestartet- inzwischen verfolge ich den Ansatz des Mischhuhns. Diese sind extrem robust und der Phänotyp ist immer wieder eine Überraschung.

Was ist der Unterschied zwischen Legehennen und Zweinutzungsrassen?  

Zweinutzungsrassen sind alte Rassen, bei denen Hennen eine gute Legeleistung aufweisen und sich Hähne für die Mast eignen. Zweinutzungsrassen ermöglichen dem Bauern die Naturbrut (die Henne brütet ihre Küken selbst aus) und eine gewisse Unabhängigkeit von Konzernen. Weiters können die Vielfalt in der Herde und das natürliche unterschiedliche Altersgefüge der Gruppe gewährleistet werden. Im Gegensatz dazu sind Legehennen gezüchtete Hybriden, die die höchste Legeleistung bei Geflügel aufweisen. Da die männlichen Küken am ersten Lebenstag getötet werden, müssen Sie stets neu angekauft werden. In Österreich werden 98 % der konsumierten Eier von Legehennen gelegt.

Was steht hinter dem Begriff der „old Lady“ und wo werden Ihre Tiere geschlachtet?

Eine „old Lady“ ist eine „ausgediente“ Legehenne, die ihre erste Legeperiode und Mauser bereits hinter sich hat. Die Mauser beginnt mit 16 Monaten- danach leistet die Henne max. 50% der vorhergegangenen Leistung. Die Dauer der Patenschaft ist daher auf 16 Monate konzipiert. Bei uns bekommen Hühner, die normalerweise geschlachtet werden, die Möglichkeit bei geringer Legeleistung (alle zwei Wochen sechs Eier) einen artgerechten Lebensabend zu genießen. Weil ich meinen Tieren bis zum Ende gerecht werden will, schlachten wir selbst. Hähne werden im Winter, wenn die Gruppe aufgrund der Junghähne, die sich dann ihre neue Rangordnung erkämpfen, unruhig wird, geschlachtet.

Was passiert mit den männlichen Küken auf Ihrem Hof?

Wir ziehen alle Küken gleich groß. Einige Hähne bleiben einige Jahre in der Gruppe, andere nur ein Jahr.

Welche Aufgaben haben Hähne im sozialen Gefüge?

Wir halten stets mindestens 30 Hähne in Gesellschaft mit den Hennen. Hähne beschützen die Hennen. Sie beobachten die Umgebung während die Hennen scharren und bieten ihnen Unterstützung. Alle Hühner leben zusammen- Hähne, junge Hennen, „old Ladys“ und Küken. „Old Ladys“ wirken beruhigend auf junge Hähne, während erwachsene Hähne die Gruppe anführen.

Welche Patenschaften bieten Sie noch an und welche Tiere bewohnen Ihren Hof?

Wir bieten auch Bienenpatenschaften, Ponypatenschaften und eine Hundewiese an. Moschusenten, vier Gänse, sechs Hasen, Bienen, drei Ponys, sechs Kamerunschafe und die 180 bis 220 Hühner leben auf unserem Hof. In Zukunft sind Projekte mit den Enten, Gänsen und eine Schweinefreilandhaltung geplant.

Welche Pflanzen retten Bienen und wie kann jeder einzelne die Artenvielfalt in der Pflanzen- und Insektenwelt fördern?

Palmkätzchen, Lavendel, Thymian, Aster, Butterblume, Malve, Ringelblume und Sonnenblumen. Keine einzelne Pflanze kann Bienen retten und keine einzelne Tat vermag das. Wir können nur durch Kreisläufe und Vielfalt etwas bewirken. Palmkätzchen helfen, aber wenn die Blüte vorbei ist, braucht es andere Pflanzen, um den Nahrungsbedarf zu decken.

Auf den „Englischen Rasen“ im Garten verzichten und den Klee blühen lassen. Hände weg von Kunstdünger und „Unkrautvernichtungsmitteln“. Was der Mensch als Unkraut wahrnimmt, ist für die Biene oft eine wichtige Nahrungsquelle. Viele Umweltbelastungen stammen aus der Massentierhaltung. Demzufolge sollte man wirklich hinterfragen, welche Lebensmittel man konsumiert und wie sehr die Realität dem Bild auf der Verpackung entspricht.

Gibt es Erlebnisse, die Sie besonders berührt haben?

Es sind immer die Erlebnisse mit Kindern und Tieren die mich berühren. Wenn sich ein Kind mit einem Regenwurm beschäftigen kann oder einen Käfer aufgeregt herzeigt. Als meine Tochter eine Biene auf der Hand hielt und mir erklärte, dass sie eine Drohne sei, wusste ich, dass ich mit der Aktivierung des Hofes den einzig richtigen Weg gegangen bin.

Auf Ihrem Hof wird nach dem Prinzip der Permakultur gewirtschaftet- welche Vorteile für bietet die Permakultur für Tier, Mensch und Umwelt?

Permakultur bedeutet immer Vielfalt und Vielfalt ist das einzig richtige für Tier, Mensch und Boden. Tiere werden nicht in Massen gehalten- somit gibt es keine Überdüngung des Bodens. Die Tiere sind viel weniger krankheitsanfällig. Unser Bauernhof ist keine wirtschaftliche Betriebsstätte, sondern Lebensmittelpunkt. Die Tiere wirken mit ihrem ganz besonderen Charme und strahlen Ruhe aus.

Wie kann es gelingen die Natur zu nutzen, ohne ihr zu schaden?

Indem man sich der Natur unterwirft, ihre Kreisläufe akzeptiert und seinen Arbeitsstil danach ausrichtet. Wir passen nicht das Tier an den Hof an, sondern die Arbeitsweise des Hofes an das Tier.

Was wünschen Sie sich vom Tierschutzvolksbegehren?

Eine weitere Sensibilisierung in der Bevölkerung für die Thematik „Tierwohl“. Dass Taten folgen, die den Tieren wirklich helfen und nicht nur auf dem Blatt Papier toll klingen. Ich wünsche mir ein Ende der Tiertransporte. Wichtig wäre, dass „mobile Metzger“ und somit Weideschlachtungen zugelassen werden. Ich wünsche mir, dass die Veränderungen den Tieren helfen und dass deren Schicksal nicht mehr von der Wirtschaftslobby gelenkt wird.

Danke für das Interview!


Mehr Infos: www.ihobanvogel.at, www.facebook.com/pg/ihobanvogel/about

Die Historikerin und Kommunikationswissenschaftlerin Gerda Rebitsch und ihr Ehemann Markus Bauhofer betreiben das Projekt „I hob an Vogel“. Wichtig ist ihnen eine Landwirtschaft, in der das Tier und dessen Wohl im Mittelpunkt steht- mit dem Ziel, dass Menschen wieder mehr Verantwortung für Tiere spüren.


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