Merinowolle: “Lämmern werden ganze Fleischstücke rausgeschnitten”

Hemma C. Brandstetter ist die Gründerin und Inhaberin von Strick-mir-was.at, dem Online Shop für Öko-Wolle und Woll-Design aus Österreich. Im Interview hat uns die Unterstützerin des Tierschutzvolksbegehrens erzählt, weshalb herkömmliche Wolle tierschutzrelevant ist. Mit Begeisterung hat sie uns Öko-Wolle und vegane Garne vorgestellt und von Ihrem Projekt BIOWOL, für das sie mit dem Energy Globe Award nominiert wurde, berichtet.

Strick-mir-was.at ist der österreichische Spezialist für Öko-Wolle, regionale Bio-Wolle und vegane Wolle. Wie kam es zur Unternehmensgründung und der Leidenschaft für Wolle?

Meine Leidenschaft für Wolle entdeckte ich während einer persönlichen Krise. Seither ist das Stricken zu einer großen Leidenschaft und auch zu einem Lebensausgleich geworden. Obwohl ich großes Interesse an Umwelt- und Tierschutzthemen habe, erfuhr ich relativ spät über das in der Wollherstellung gebräuchliche, grausame Mulesing, Das Bedürfnis Alternativen zu herkömmlicher Wolle anbieten zu wollen und eine generelle Lebensumstellung führten 2015 zur Unternehmensgründung von strick-mir-was.at. Im Moment führe ich in ganz Österreich das einzige Wollfachgeschäft, das ausschließlich mulesing-freie Wolle anbietet, mit dem größten Sortiment an veganer Wolle.

Weshalb stellt Strick-mir-was.at Tierschutz, Regionalität, soziales Engagement und Nachhaltigkeit in den Vordergrund?

Mir persönlich sind diese Themen sehr wichtig und ich bin ich davon überzeugt, dass sich auch Unternehmen viel mehr darauf fokussieren sollten. Obwohl es zum Beispiel ein Risiko war nur die tierschutzkonforme, ökologische und sozial faire Sortimentsauswahl in die Unternehmensführung mitzunehmen und aus Überzeugung umzusetzen, freue ich mich jetzt umso mehr über meine vielen KundInnen und ihr herzliches Feedback. Jede Kaufentscheidung für regionale, sozial-, tier- und umweltschutzorientierte Unternehmen beeinflusst den Markt und ermöglicht es kleinen Unternehmen zu überleben und den Markt positiv zu verändern. Das zu betonen ist mir sehr wichtig.

Weshalb ist die Produktion herkömmlicher Wolle oft mit viel Tierleid verbunden? Welche ökologischen Aspekte sind erwähnenswert?

Bei der Herstellung gängiger Wolle gibt es belastende Praktiken für Tiere und Umwelt. Wolle von Tieren stammt meist aus der Massentierhaltung. Folglich werden die Tiere auch in Masse geschoren. Die Scherer werden nicht pro Stunde, sondern pro Tier bezahlt. Diese Akkordarbeit führt zu Gewalt und viel Tierleid. Die geschorene Wolle wird in großen Lagerhallen aufgelegt und flächenmäßig mit Mottenschutzmitteln und anderen Chemikalien besprüht. Während der Verarbeitung wird viel Wasser verbraucht und es kommt erneut zum Einsatz von diversen Chemikalien und Chlor. Die Arbeitsbedingungen der ArbeiterInnen sind auch bei der Verarbeitung von Baumwolle unwürdig und nicht fair. KonsumentInnen empfehle ich daher, sich an zertifizierte Wollen und Garne zu halten. GOTS-zertifizierte Produkte weisen den höchsten Standard in all den erwähnten Bereichen (Tierwohl, Umwelt, Soziales, Verbot von Kinderarbeit, ect) auf.

Stick-mir-was.at ist österreichweit das einzige mulesing-freie Wollfachgeschäft. Was bedeutet Mulesing?

Das Thema Mulesing betrifft vor allem Merinoschafe, die durch eine spezielle Züchtung sehr viele Hautfalten entwickeln. Dadurch soll der Ertrag der beliebten, weichen Wolle gesteigert werden. In diese Hautfalten setzt eine bestimmte Fliegenart ihre Eier ab, deren Raupen dann die Schafe bei lebendigem Leib anfressen. Um dem entgegenzuwirken werden den Lämmern tellergroße Stücke Fleisch aus den Oberschenkeln und rund um den Schwanz weggeschnitten. Die Lämmer werden ohne Narkose behandelt und medizinisch unversorgt wieder frei gelassen. Infolge der unglaublich schmerzhaften Prozedur verenden einige Lämmer an den Folgen. Mulesing wurde in Neuseeland verboten. Unklar bleibt, ob es Kontrollen gibt. In Australien ist das Mulesing gängige Praxis. Es gibt keine Kennzeichnungspflicht für Mulesing- Produkte.

Weshalb ist die Angora-Wolle ein Tierqualprodukt?

Angora-Wolle ist mit besonders großem Tierleid verbunden. 90 Prozent der weltweit verkauften und verarbeiteten Angora-Wolle kommt aus China. Angora-Kaninchen werden in winzigen Käfigen in Einzelhaltung gehalten und fristen dort ihr tristes Leben. Zur Gewinnung der Wolle werden die Tiere alle drei Monate auf einer Streckbank festgeschnallt und dann am ganzen Körper gerupft. Letzteres führt zu fürchterlichen Schmerzen und offenen Wunden. Auch die “humanere” Methode des Scherens ist für die Tiere mit großer Angst verbunden. Deshalb führe ich keine Angora-Wolle.

Woraus setzt sich vegane Wolle zusammen?

Vegane Wolle, eigentlich müsste man korrekt vegane Garne sagen, ist ein sehr spannendes Thema. Es gibt ja nicht ein veganes Garn, sondern viele verschiedene vegane Alternativen zu herkömmlicher Wolle von Tieren. Baumwolle ist bekannt, aber es gibt auch Garne aus Bambusfasern oder aus Maisfasern. Sie sind wunderbar weich, hautfreundlich und werden aus schnell nachwachsenden Rohstoffen erzeugt. Es gibt auch vegane Garne aus Soja. Meine KundInnen erfreuen sich besonders an einer Mischfaser aus Brennnessel, Leinen und Baumwolle.

Welche (Tier-)Produkte bietet Strick-mir-was.at momentan an?

Neben den bereits genannten Bio-Wollen und veganen Garnen biete ich auch alle erdenklichen daraus hergestellten Handarbeitsprodukte an. Von Winteraccessoires bis hin zum Sommerpullover ist alles dabei. Meine KundInnen haben auch die Möglichkeit, Mode und Accessoires nach ihren Wünschen aus ihren Wunsch-Materialien herstellen zu lassen.

Deine Marke „BIOWOL“ wurde 2019 für den Energy Globe Award nominiert. Was ist Schafschurwolle und für die Herstellung welcher Produkte wird sie verwendet?

Vor einem guten Jahr habe ich meine eigene neue Marke BIOWOL Biowolle aus Österreich ins Leben gerufen. Wolle von österreichischen Schafen findet normalerweise kaum Verwendung, wird entweder entsorgt oder allenfalls als Dämmmaterial verwendet. Gleichzeitig wird aus dem Ausland billigste Schafschurwolle importiert, die mit mehr als fragwürdigen Praktiken gewonnen wird. BIOWOL soll dieser Absurdität entgegenwirken. Der Zuspruch und die Nominierung für den Energy Globe Award sind eine große Ehre.

Mittlerweile arbeite ich mit mehreren Bio-Schafbauern aus Österreich zusammen und auch alle anderen Verarbeitungsschritte meiner Bio-Produkte werden von österreichischen Unternehmen durchgeführt. Die Wolle aus kontrolliert biologischer Tierhaltung wird zu Bio- Heilwolle oder Bio-Wollkügelchen (Füllmaterial) verarbeitet. Ganz stolz bin ich auch auf meine Bio-Düngerpellets aus Rohwolle, die ein wunderbarer Langzeitdünger mit hoher Wasserspeicherkapazität sind.

Sehr stolz bin ich auch auf meine eigene Bio-Linie an Handstrickgarnen (mit Pflanzenfarben handgefärbt) von österreichischen Bio-Merinoschafen. So etwas hat es bisher überhaupt noch nicht gegeben und es ist etwas ganz Besonderes.

BIOWOL verarbeitet ausschließlich Wolle aus kontrolliert biologischer Tierhaltung. Wie werden die Tiere gehalten, wie groß sind die Herden und werden die Schafe ausschließlich für die Produktion der Wolle genutzt?

Auch wenn es Verbesserungspotential bei den Mindeststandards gibt, bin ich der Meinung, dass eine kontrolliert biologische Tierhaltung, was das Tierwohl betrifft, zumindest etwas besser als die konventionelle ist. Weil es in Österreich hauptsächlich sehr kleine Schafbetriebe gibt, fällt das Thema der Massentierhaltung weg. Den Schafen geht es im Vergleich zu vielen anderen Nutztieren in Österreich relativ gut. Die Wolle von österreichischen Schafen ist aufgrund klimatischer Gegebenheiten immer etwas härter und daher marktwirtschaftlich uninteressant. Seit der Gründung von BIOWOL kann ich aber durchaus das Interesse seitens der Bevölkerung wahrnehmen.

Weshalb unterstützt Strick-mir-was.at das Tierschutzvolksbegehren?

Für diese Initiative bin ich Herrn Dr. Sebastian Bohrn Mena und seinem Team sehr dankbar und habe die Aktivitäten von Anfang an mit großer Hoffnung verfolgt. Hoffnung darauf, dass sich endlich wirklich und grundsätzlich die Zustände für Tiere ändern. Die derzeitige Situation ist für mich untragbar. In so vielen Bereichen der Zucht, Tiernutzung und des Tiertransportes herrschen Missstände. Unsere Einstellung und unser Umgang mit Tieren müssen sich grundlegend ändern. Ich danke euch für das Engagement und den Enthusiasmus, mit dem ihr eure Ziele verfolgt und für diese Veränderung kämpft. Das möchte ich unterstützen. Ich freue mich, Teil dieser Bewegung zu sein.

Was wünschst Du dir vom Tierschutzvolksbegehren?

Dass ihr so viel wie möglich von dem, was ihr euch vorgenommen habt, umsetzen könnt.

Danke für das Interview!

Nähere Infos: www.strick-mir-was.at

Hemma C. Brandstetter lebt mit Ihrer Familie inkl. ihren Tieren aus dem Tierschutz in Niederösterreich. Vor der Gründung von Strick-mir-was.at hat sie Zoogogie studiert, eine Management-Ausbildung abgeschlossen und aktiv in einer großen Tierschutzorganisation gearbeitet.


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