„Die Rinder werden misshandelt und bei vollem Bewusstsein geschächtet“

Aktuelle Filmaufnahmen zeigen, wie Kälber aus der österreichischen Milchwirtschaft bis in den Libanon transportiert und dort grausamst getötet werden. Dr. Alexander Rabitsch, Tierarzt, Experte für Tiertransporte und Sachverständiger hat uns im Interview mehr über diese erschreckenden Tiertransporte, deren Hintergründe und was jede und jeder Einzelne tun kann, erzählt.

Weshalb wird in Österreich so viel Milch für den Export produziert?

Das hat Tradition und ist systemimmanent. Österreich kann eine Erfolgsgeschichte der Milchvermarktung aufweisen und produziert heutzutage mit weit weniger Rindern mehr Milch als je zuvor. 1970 war die Anzahl der Milchkühe noch doppelt so groß, die Milchleistung jedoch geringer. Heutzutage werden Rinder jedes Jahr künstlich befruchtet, Hochleistungsrassen werden im Schnitt aber schon nach zwei Trächtigkeiten geschlachtet.

Weshalb werden Kälber von Milchkuhrassen in andere Länder transportiert? Um welche Länder handelt es sich?

Kälber der Fleischnutzungsrassen oder der sogenannten Kreuzungsrassen eignen sich viel besser zur Mast als Kälber der Milchkuhrassen. Letztere sind Hochleistungsrassen und setzen viel schlechter Fleisch an. Deren Kälber sind in Österreich kaum etwas wert – sie kosten im Alter von 14 Tagen lediglich 30 bis 50 Eur. Exportiert werden männliche Kälber, aber auch weibliche, die nicht der Nachzucht dienen.

Ein Hotspot für Rinderexporte in ganz Europa ist Spanien. Weitere Exporte gehen nach Italien und auch nach Holland. Österreichische Kälber werden ab einem Alter von sechs Monaten in Drittstaaten exportiert.

Wie sieht der Leidensweg der Kälber aus?

Weibliche Kälber von Milchkühen, die der Nachzucht dienen, werden am Hof gut versorgt. Alle anderen Kälber kann man im wirtschaftlichen Sinne als „Ausschussware“ bezeichnen. Sie werden knapper und oft nur notdürftig versorgt und im Alter von 14 Tagen an Sammelstellen für Kälbertransporte geliefert. In Westösterreich befindet sich solch eine Sammelstelle in Bergheim/ Salzburg. Von dort werden die Kälber nach Italien und Spanien transportiert, um weiter verteilt und schließlich der Mast zugeführt zu werden. Die Schlachtung der Milchmast-Kälber erfolgt mit einem halben Jahr.

Welche Probleme ergeben sich beim Transport von nicht abgesetzten Kälbern?

Säugetiere sollten vor dem Transport vom Muttertier entwöhnt sein. Im Falle der Kälber wäre das in einem Alter von acht bis zehn Wochen. Tatsächlich werden sie bereits mit zwei Wochen transportiert und können daher nicht ausreichend Heu fressen, da ein Teil des Magens noch nicht ausgebildet ist. Während des Transportweges erhalten sie Wasser mit Elektrolyten. Dringend nötig wären aber Futterlösungen. Man kann die Kälber oft vor Hunger und Durst schreien hören. Sie verbringen über 19 Stunden am LKW. Erkrankungen als Folge der Strapazen (Trennung von der Mutter nach der Geburt, geschwächtes Immunsystem infolge des Nährstoff- und Flüssigkeitsmangels, Stress aufgrund der Transportbedingungen) treten aufgrund von geschwächten Organen und erworbenen Infektionen oft erst zwei bis drei Wochen nach dem Transport auf.

Weshalb sind Kälbertransporte illegal?

Kälbertransporte sind illegal, weil die Tiere an Bord der Fahrzeuge nicht bedarfsgerecht getränkt und gefüttert werden können. Die Transporte können der Physiologie und dem Verhalten der Tiere nicht gerecht werden. Weiters besagt die Europäische Verordnung zum Schutz der Tiere beim Transport VO(EG) Nr.1/2005, dass Langstreckentiertransporte so weit wie möglich zeitlich zu beschränken sind. Der Stress für die Tiere beginnt beim Verladen und nicht erst, wenn der Transporter rollt. Die Verordnung normiert, dass deshalb bereits die Dauer des Ver- und Entladens zur Beförderungszeit gezählt wird. Neuerdings glaubt das Gesundheitsministerium die reine Fahrtzeit ohne Ver- und Entladung als Berechnungsgrundlage heranziehen zu dürfen. Sogar die Volksanwaltschaft spricht in diesem Zusammenhang von einem Missstand in der Verwaltung. Insofern arbeitet Österreich hier für den Tierhandel und gegen die Tiere. Die Transporte dauern mit über 19 Stunden viel zu lange….


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Wie oft kommt es zu Kontrollen und der Verhängung von Strafen?

Gründliche Kontrollen und Plausibilitätsprüfungen geplanter Tiertransporte sind eine Herausforderung und benötigen spezielles Fachwissen. Zeitdruck kommt erschwerend hinzu. Immer wieder genehmigen die Veterinärbehörden Transporte, auch wenn sie die Tierschutzvorschriften nicht erfüllen. Im Schnitt wird pro Bundesland einmal pro Woche kontrolliert. Die LKWs sind jedoch schwer auffindbar. Dort, wo Kontrollen durchgeführt wurden, lag die Beanstandung bei bis zu 100 Prozent. Mängel betreffen ungeeignete oder unzugängliche Tränkesysteme, zu wenig Einstreu, hohe Verletzungsgefahren durch ungeeignete Ausstattung inkl. zu geringen Deckenhöhen und Überladung der LKWs.

Wie sehen die Haltungsbedingungen in der Kälbermast in Italien, Spanien und Drittstaaten aus?

Die Haltungsstandards sind trist. Oft werden die Tiere ab einem Alter von zwei Wochen auf Vollspaltenböden und in Einzelboxen gehalten. Die reine Milchmast verursacht häufig Magengeschwüre, da die Kälber nicht wie vorgeschrieben gefüttert werden und viel zu wenig Stroh und Heu bekommen. Deshalb kann sich der große Wiederkaumagen (Pansen) nicht entsprechend entwickeln.

Laut der EU-Tiertransport-Verordnung muss der gesetzliche Schutz von Rindern bis zum Endbestimmungsort gewährleistet sein. Wo endet die Nachvollziehbarkeit für hiesige Behörden und welche Kontrollmöglichkeiten stehen zur Verfügung?

Die Nachvollziehbarkeit endet jedenfalls an den Außengrenzen der EU. Hinzu kommt, dass die Behörden vieler Staaten gar nicht kontrollieren wollen. Sie überlassen die Tiere ihrem grausamen Schicksal.

Zwei Fahrer dürfen maximal 18 bis 20 Stunden fahren. Nach dieser Zeit müssten zwei neue Fahrer vor Ort zusteigen. Laut Europäischem Recht sind Langstreckentransporte allein deswegen illegal, da diese Fahrerwechsel in der Praxis einfach nicht stattfinden. Illegal sind Langstreckentiertransporte auch, weil außerhalb der EU keine Verlade- und Versorgungsstationen mit geeigneten Ställen existieren. Die gesetzlich vorgeschriebenen Ruhe-, Tränk- und Fütterungspausen werden weitgehend ignoriert. Weiters fehlen geeignete Notfallpläne, um den Tieren im Ernstfall möglichst effektiv helfen zu können. Oft stehen die Rinder über tausende Kilometer in ihren eigenen Exkrementen. In der Enge des Transporters kann die Luft nicht zirkulieren und Ammoniakgase reizen die Atemwege. Laut der Gesetzeslage sind viele Routen von Juni bis September temperaturbedingt nicht befahrbar. In der Praxis werden Höchsttemperaturen jedoch überschritten und Mindesttemperaturen unterschritten.

Wie viele Zuchtrinder (inkl. trächtige Kalbinnen) werden jedes Jahr aus Österreich in Drittländer wie Kasachstan, Usbekistan oder in den Iran verkauft?

15.000 bis 35.000 Zuchtrinder werden jährlich aus Österreich in Drittländer exportiert. Laut dem Gesundheitsministerium exportieren wir keine Schlachtrinder in Drittstaaten. Es macht für das Individuum jedoch keinen Unterschied, ob es unmittelbar nach Ankunft geschlachtet wird (Schlachtvieh) oder nach wenigen Wochen Mast (Mastvieh) oder ein halbes Jahr nach dem Abkalben am Ende der Milchproduktion (Zuchtvieh): Stets endet der Export in einer Schlachtung! Außerdem werden häufig Schlachttiere als Zuchttiere deklariert.

Zusätzlich ist die Erkrankungsrate der Tiere extrem hoch. Die ungewohnt hohen Temperaturen in vielen Zielländern führen zu bakteriellen Entzündungen, die von der Scheide (mangelnde nachgeburtliche Versorgung) über die Gebärmutter in andere Organe streuen.

Wie kann man sich die Transportbedingungen auf Tiertransportschiffen vorstellen und wie lange dauert eine Überfahrt?

Die Transportbedingungen sind katastrophal. Nach dem brutalen Verladevorgang stehen die Tiere eng zusammengepfercht in dunklen, schlecht belüfteten Räumen ohne entsprechende Versorgung. Überfahrten können je nach Route und Wetterlage fünf bis 15 Tage dauern. Diese Transporte sind rechtswidrig, weil laut der EU-Tiertransport-Verordnung für jede LKW-Anlieferung ein Fahrtenbuch bis zum Bestimmungsort geführt werden sollte, was aber nicht möglich ist: Rinder unterschiedlicher Transporte werden nämlich am Transportschiff gemischt, das Weiterführen des Fahrtenbuches im Drittland ist so nicht möglich.


Die aktuellen Aufnahmen aus dem Libanon zeigen, dass während der Schlachtung der zehn Monate alten Jungrinder mehrere Kehlschnitte bei vollem Bewusstsein durchgeführt werden. Weshalb wird mehrmals angesetzt und wie lange dauert es, bis das Rind tatsächlich sein Bewusstsein verliert?

Auch hier handelt es sich um ein etabliertes System. Faulheit und kulturelle Aspekte führen dazu, dass keine Betäubung vor dem Schächtschnitt erfolgt. Wenn die Messer stumpf oder zu kurz sind oder der „Metzger“ unerfahren ist, sind mehrere Schnitte nötig. Weil der Kopf während der Schächtung der niedrigste Punkt des Körpers ist, wird das Gehirn noch länger über Vertebralarterien, die entlang der Wirbelsäule verlaufen, mit Sauerstoff versorgt. Bis der Kreislauf zusammen bricht und das Tier sein Bewusstsein verliert, kann es acht bis zehn Minuten dauern. Dass es anders geht, zeigen Länder wie Australien oder Neuseeland. Dort wird vor dem Schächtschnitt eine Betäubung durchgeführt. In Österreich ist eine Betäubung unmittelbar nach dem Schächtschnitt gesetzlich vorgeschrieben (post cut stunning).

Welche Misshandlungen werden den Rindern vor dem Kehlschnitt zugefügt?

Den Tieren werden zum Beispiel die Beine zusammengebunden, die Augen ausgestochen oder die Sehnen durchtrennt, um sie für die Schlachtung vorzubereiten, das heißt wehrlos zu machen. In Marokko konnte ich beobachten, wie einem Stier die Vorderbeine zusammengebunden wurden. Er hoppelte in den Schlachtraum, die Hinterbeine wurden zu den Vorderbeinen gebunden. Dann wurde er in das Blut der zuvor geschlachteten Tiere geworfen und ihm wurde bei vollem Bewusstsein der Hals mit sägenden Bewegungen quer durchschnitten.

Welche Gründe werden gegen eine Acht-Stunden-Transport-Beschränkung vorgebracht?

Das sind wirtschaftliche Gründe. Die Exporte werden zwar nicht mehr gefördert, jedoch zahlt beispielsweise die Türkei für Importe.

Wie können wir einen Transportstopp von nicht entwöhnten Säugetieren erreichen?

Wir müssen Kälber bei uns behalten und Förderungen entsprechend umschichten. Hier braucht es Systemänderungen! Weg von Hochleistungsrassen und der Überschussproduktion hin zu robusteren, gesünderen Zweinutzungsrassen. Die mutter- oder ammenbezogene Kälberaufzucht stellt eine tierfreundlichere Alternative dar. Ebenso kann das „Spermasexen“ viel Tierleid ersparen, indem reinerbige männliche Kälber erst gar nicht erzeugt werden.

Wieso hören die Kälbertransporte trotz öffentlicher Empörung nicht auf? Ist die Politik unwillig oder geht es wirklich nicht?

Entscheidend ist welche Partei man betrachtet. Im Parlament sitzen ja auch mächtige Vertreter der Agroindustrie und des Viehhandels. So wird die Transportsituation beschönigt und oft auch das Leiden der Tiere geleugnet.

Wie entscheidend ist die EU-Ebene?

Das Europaparlament hat sich schon dreimal für eine Beschränkung von Schlachtviehtransporten auf acht Stunden eingesetzt. Leider wurden diese Entschlüsse seitens der Kommission ignoriert.

Kann auch auf nationaler Ebene etwas erreicht werden?

Rein theoretisch haben wir strenge Bestimmungen in Österreich.: Schlachttiertransporte dürften so nur viereinhalb Stunden dauern. Leider gibt es viel zu viele Ausnahmeregelungen, sodass sich schlussendlich kaum jemand daranhalten muss und auch innerhalb des kleinen Österreichs Schlachttiere 8 Stunden lang herumgekarrt werden dürfen, Schlachthühner sogar 10 Stunden.

Was kann jede und jeder Einzelne tun, um dieses Tierleid zu lindern?

Weniger tierische Produkte konsumieren! Den Anreiz, der durch billige Angebote geschaffen wird, halte ich für sehr problematisch. Auch Österreich produziert Billigfleisch. Wichtig ist es mir auch, auf den Klimaaspekt der Tiertransporte hinzuweisen.

Danke für das Interview!


Dr. med. vet. Alexander Rabitsch I Der Facharzt für Kleintiere und Sachverständige Dr. Alexander Rabitsch ist Sprecher für Tierschutz bei den Grünen in Kärnten. In unzähligen Publikationen, Vorträgen und mittels Fortbildungen gibt er sein Fachwissen im Bereich Tierschutz und Tiertransport weiter. Mehr Infos unter http://www.rabitsch-vet.at.


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